Wenn die Höflichkeit nachlässt: Zusammenleben mit dem Au-pair nach der Eingewöhnung

Familie sitzt abends gemeinsam am Esstisch, warmes Lampenlicht.

In den ersten Wochen mit einem Au-pair geben sich meistens alle besonders viel Mühe.

Die Gastfamilie erklärt geduldig jeden Ablauf. Das Au-pair fragt lieber einmal zu viel als einmal zu wenig. Man bedankt sich, entschuldigt sich und achtet darauf, einen guten Eindruck zu hinterlassen.

Und dann passiert etwas, das eigentlich ein gutes Zeichen ist:

Normalität kehrt ein.

Das Au-pair fühlt sich nicht mehr wie ein Gast. Die Familie läuft nicht mehr permanent im „Wir haben jetzt ein Au-pair“-Modus. Man kennt sich, hat gemeinsame Routinen entwickelt und fühlt sich miteinander vertrauter.

Genau das soll passieren.

Doch mit der Vertrautheit kann manchmal auch etwas anderes verschwinden: die gegenseitige Aufmerksamkeit.

Wenn aus „zu Hause fühlen“ plötzlich Alltag wird

Nach einigen Wochen bleibt vielleicht die Tasse auf dem Tisch stehen.

Die Gastfamilie sagt nicht mehr jedes Mal Danke, wenn das Au-pair etwas erledigt hat.

Das Au-pair räumt die Küche nicht mehr ganz so ordentlich auf wie am Anfang.

Jemand antwortet genervt.

Eine Bitte klingt plötzlich mehr wie eine Anweisung.

Oder Dinge werden zunehmend als selbstverständlich angesehen.

Für sich genommen sind das Kleinigkeiten. In jeder Familie gibt es eine herumstehende Tasse und schlechte Tage.

Problematisch wird es erst, wenn aus einzelnen Situationen langsam eine Haltung entsteht:

„Der andere macht das schon.“

Familienmitglied auf Zeit bedeutet nicht selbstverständlich

Ein Au-pair soll sich als Teil der Familie fühlen. Dieser Gedanke gehört zum Au-pair-Programm.

Doch „Teil der Familie“ sollte niemals bedeuten, dass gegenseitige Wertschätzung irgendwann nicht mehr notwendig ist.

Auch nach sechs Monaten darf man sich für etwas bedanken.

Auch ein Au-pair darf sagen: „Danke fürs Mitnehmen.“

Auch Eltern dürfen anerkennen: „Das hast du heute richtig schön mit den Kindern gemacht.“

Und auch das Au-pair darf erleben, dass seine tägliche Unterstützung gesehen wird.

Wertschätzung muss nicht ständig ausgesprochen oder inszeniert werden. Aber sie sollte im Alltag spürbar bleiben.

Vertrautheit darf Grenzen nicht verschieben

Mit zunehmender Nähe verschwimmen manchmal auch Grenzen.

Vielleicht wird aus „Kannst du heute ausnahmsweise noch kurz …?“ irgendwann eine regelmäßige zusätzliche Aufgabe.

Vielleicht kommt das Au-pair zunehmend fünf Minuten später, weil bisher niemand etwas gesagt hat.

Vielleicht klopfen die Kinder irgendwann nicht mehr an der Zimmertür.

Oder das Au-pair lässt Dinge liegen, die es zu Beginn selbstverständlich weggeräumt hätte.

Genau deshalb lohnt es sich, auch nach der Eingewöhnungszeit gelegentlich zu prüfen:

Funktionieren unsere ursprünglichen Absprachen eigentlich noch?

Ein gutes Zusammenleben entwickelt sich weiter. Regeln und Grenzen dürfen deshalb immer wieder freundlich in Erinnerung gerufen oder gemeinsam angepasst werden.

„Am Anfang hat sie das aber viel ordentlicher gemacht“

Auch das erleben Gastfamilien.

In den ersten Wochen wird jede Aufgabe besonders sorgfältig erledigt. Einige Monate später sieht das Kinderzimmer nach dem Aufräumen vielleicht nicht mehr ganz so aus, wie Sie es sich vorstellen.

Bevor daraus Ärger entsteht, sollte die Erwartung noch einmal konkret besprochen werden.

Was bedeutet für Sie eigentlich „aufräumen“?

Sollen Spielsachen nur vom Boden verschwinden oder nach bestimmten Kategorien einsortiert werden? Gehört die benutzte Tasse direkt in die Spülmaschine oder reicht es, sie später wegzuräumen?

Menschen haben unterschiedliche Vorstellungen von Ordnung – und kulturelle sowie familiäre Gewohnheiten können diese Unterschiede zusätzlich verstärken.

Deshalb hilft auch nach Monaten noch:

Nicht voraussetzen. Konkret sagen, was Sie sich wünschen.

Der Ton macht einen großen Unterschied

Je vertrauter Menschen miteinander werden, desto ungefilterter sprechen sie häufig miteinander.

Das ist normal.

Trotzdem sollte man darauf achten, wie man miteinander redet.

„Mach das bitte noch.“

klingt anders als:

„Kannst du das bitte noch erledigen?“

Und ein genervtes Augenrollen des Au-pairs kann bei der Gastfamilie genauso unangenehm ankommen wie ein schroffer Ton der Gasteltern beim Au-pair.

Nicht jeder schlechte Moment muss zum großen Konfliktgespräch werden.

Aber wenn Sie merken, dass sich der Umgangston dauerhaft verändert, sprechen Sie es frühzeitig an.

Auch ein Au-pair darf einen schlechten Tag haben

Ein Au-pair lebt nicht zwölf Monate lang im permanenten Dankbarkeitsmodus.

Es wird Tage geben, an denen es müde ist. Genervt. Traurig. Vielleicht hat es schlecht geschlafen, Streit mit jemandem zu Hause oder einfach keine gute Laune.

Das Gleiche gilt für die Gasteltern.

Nicht jede kurze Antwort ist respektlos. Nicht jede vergessene Tasse ist ein Zeichen mangelnder Wertschätzung.

Entscheidend ist das Gesamtbild.

Ein schlechter Tag ist menschlich.

Ein dauerhaft respektloser Umgang miteinander sollte dagegen angesprochen werden.

Manchmal hilft ein kleiner Neustart

Wenn Sie merken, dass sich über die Monate Dinge eingeschlichen haben, braucht es kein dramatisches Krisengespräch.

Setzen Sie sich zusammen und schauen Sie gemeinsam auf den Alltag.

Was funktioniert inzwischen richtig gut?

Wo sind wir vielleicht etwas nachlässig geworden?

Welche Regeln haben sich bewährt?

Welche Absprachen sollten wir noch einmal auffrischen?

Vielleicht muss der Wochenplan angepasst werden. Vielleicht braucht das Au-pair bei einer Aufgabe noch einmal eine klare Erklärung. Vielleicht stellt die Familie fest, dass auch sie bestimmte Grenzen nicht mehr so konsequent eingehalten hat.

Ein solches Gespräch ist keine Kritik am gesamten Au-pair-Verhältnis.

Es ist schlicht Alltagspflege.

Respekt gilt in beide Richtungen

Gastfamilien dürfen erwarten, dass vereinbarte Aufgaben zuverlässig erledigt, Regeln eingehalten und Absprachen ernst genommen werden.

Ein Au-pair darf genauso erwarten, respektvoll behandelt zu werden, seine Freizeit zu haben, Privatsphäre zu erleben und nicht als selbstverständlich verfügbare Hilfe betrachtet zu werden.

Ein gutes Au-pair-Jahr funktioniert deshalb nicht nach dem Prinzip:

„Du lebst bei uns, also passt du dich an.“

Aber auch nicht:

„Ich bin Teil der Familie, also gelten Absprachen nicht mehr so genau.“

Es braucht beide Seiten.

Das schönste Zeichen ist, wenn niemand mehr Gast ist

Irgendwann weiß das Au-pair selbst, wo die Brotdosen stehen.

Die Kinder laufen zu ihm, wenn sie etwas erzählen möchten. Beim Abendessen wird gelacht, diskutiert und vielleicht auch einmal genervt geschaut.

Niemand verhält sich mehr so vorsichtig wie am ersten Tag.

Und das ist etwas Schönes.

Denn aus einem fremden jungen Menschen ist ein vertrauter Teil des Familienalltags geworden.

Die Kunst besteht nur darin, bei aller Vertrautheit eines nicht zu verlieren:

den Respekt füreinander.

Denn „sich wie zu Hause fühlen“ und „den anderen für selbstverständlich halten“ sind zwei völlig unterschiedliche Dinge.

Redaktion Besondere Sterne · Veröffentlicht am

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