Mein Kind ignoriert das Au-pair: Wie entsteht eine Beziehung?

Eine Beziehung zwischen Kind und Au-pair entsteht nicht mit der Ankunft, sondern wächst. Druck hilft nicht, gemeinsame schöne Erlebnisse schon. Eltern können eine Brücke bauen und sich langsam zurückziehen — und sollten dem Au-pair dabei den Rücken stärken.
Das Au-pair ist endlich angekommen. Die Gastfamilie hat sich wochenlang darauf vorbereitet und sich vorgestellt, wie schön das gemeinsame Jahr werden könnte.
Und dann?
Das Kind ignoriert das Au-pair.
Es antwortet nicht, wenn das Au-pair etwas fragt. Es möchte nicht mit ihm spielen. Beim Anziehen heißt es: „Nein, Mama!“ Beim Zubettgehen darf ausschließlich Papa ins Zimmer. Vielleicht verlässt das Kind sogar den Raum, sobald das Au-pair versucht, Kontakt aufzunehmen.
Für Eltern entsteht schnell die Sorge:
Mein Kind akzeptiert das Au-pair nicht. Was sollen wir tun?
Zunächst einmal: Geben Sie Ihrem Kind Zeit.
Eine Beziehung zwischen Kind und Au-pair entsteht nicht automatisch mit der Ankunft. Vertrauen muss wachsen – und bei manchen Kindern dauert das länger als bei anderen.
Für Ihr Kind zieht plötzlich ein fremder Mensch ein
Versuchen Sie, die Situation einmal aus Sicht Ihres Kindes zu betrachten.
Ein Mensch, den es kaum kennt, zieht plötzlich in das eigene Zuhause. Er spricht vielleicht anders, sieht anders aus, riecht anders, kennt die Familienregeln noch nicht und versucht nun, Kontakt aufzunehmen.
Und plötzlich soll dieser Mensch beim Spielen helfen, das Kind anziehen, vom Kindergarten abholen oder Dinge übernehmen, die bisher Mama oder Papa gemacht haben.
Das ist eine enorme Veränderung.
Bei der Eingewöhnung in Kindergarten oder Krippe würde ebenfalls niemand erwarten, dass ein Kind nach wenigen Minuten sagt: „Prima, Mama kann gehen.“
Dort gibt es ganz bewusst eine Eingewöhnungsphase, in der Kinder neue Bezugspersonen kennenlernen und langsam Vertrauen aufbauen dürfen.
Warum sollte das zu Hause anders sein?
Ablehnung bedeutet nicht, dass das Matching gescheitert ist
„Mein Kind mag unser Au-pair nicht.“
Mit dieser Schlussfolgerung sollten Eltern gerade in den ersten Tagen und Wochen vorsichtig sein.
Ein Kind, das ausschließlich nach Mama verlangt, lehnt nicht zwangsläufig das Au-pair als Person ab.
Es hält zunächst an dem fest, was ihm Sicherheit gibt.
Gerade bei jüngeren Kindern oder Kindern mit Behinderung kann es länger dauern, bis ein neuer Mensch als vertraute Bezugsperson akzeptiert wird.
Das ist kein Wettbewerb zwischen Eltern und Au-pair.
Und es ist auch kein Zeichen dafür, dass das Au-pair ungeeignet ist.
Beziehung lässt sich nicht erzwingen
Was häufig nicht hilft, ist Druck.
„Jetzt geh doch endlich mit deinem Au-pair spielen.“
„Sie ist extra für dich hier.“
„Mama hat jetzt keine Zeit. Geh zu ihr.“
Je stärker ein Kind das Gefühl bekommt, dass es eine Beziehung eingehen muss, desto stärker kann der Widerstand werden.
Lassen Sie Nähe stattdessen entstehen.
Das Au-pair kann zunächst einfach dabei sein.
Mama sitzt mit dem Kind auf dem Boden und baut Lego – das Au-pair setzt sich dazu.
Papa liest ein Buch vor – das Au-pair schaut mit hinein.
Gemeinsam wird ein Kuchen gebacken – das Au-pair hilft.
Noch muss niemand Mama oder Papa ersetzen.
Das Au-pair wird zunächst einfach zu einem selbstverständlichen Teil schöner Alltagssituationen.
Erst gemeinsam – dann langsam zurückziehen
Gerade am Anfang können Eltern eine Brücke zwischen Kind und Au-pair bauen.
Spielen Sie zunächst zu dritt.
Nach einigen Tagen stehen Sie vielleicht zwischendurch auf und holen etwas aus der Küche.
Beim nächsten Mal bleiben Sie etwas länger weg.
Irgendwann bemerkt das Kind möglicherweise gar nicht mehr, dass Mama seit zehn Minuten nicht im Raum ist.
Ähnlich können andere Routinen Schritt für Schritt übertragen werden.
Vielleicht zieht Mama das Kind zunächst an und das Au-pair reicht die Kleidung. Einige Tage später übernimmt das Au-pair einen Teil. Irgendwann funktioniert die Situation ganz selbstverständlich ohne Mama.
Nicht von null auf hundert – sondern Schritt für Schritt.
Gemeinsame schöne Erlebnisse schaffen Verbindung
Vertrauen entsteht besonders gut über positive gemeinsame Erfahrungen.
Was liebt Ihr Kind?
Auf den Spielplatz gehen? Fußball spielen? Malen? Musik? Tiere? Backen? Bücher anschauen? Fahrrad fahren?
Nutzen Sie genau diese Interessen.
Das Au-pair muss am Anfang nicht beweisen, dass es jede Alltagssituation allein bewältigen kann. Viel wichtiger ist zunächst, dass Kind und Au-pair überhaupt die Möglichkeit bekommen, sich kennenzulernen.
Aus dem gemeinsamen Lieblingsspiel können irgendwann eigene Rituale entstehen.
Und genau diese kleinen gemeinsamen Erlebnisse schaffen Beziehung.
Ermutigen Sie Ihr Au-pair, dranzubleiben
Die Situation ist nicht nur für das Kind schwierig.
Stellen Sie sich vor, Sie reisen Tausende Kilometer in ein fremdes Land, ziehen bei einer Familie ein – und das Kind, um das Sie sich kümmern sollen, möchte nichts mit Ihnen zu tun haben.
Das kann unglaublich verunsichern.
Sprechen Sie deshalb auch mit Ihrem Au-pair.
Erklären Sie, dass die Reaktion des Kindes nicht persönlich gemeint ist. Ermutigen Sie es, freundlich und geduldig Kontakt anzubieten, ohne das Kind zu bedrängen.
Ein Au-pair sollte nicht nach drei erfolglosen Spielversuchen denken:
„Das Kind mag mich nicht.“
Manche Beziehungen brauchen einfach länger.
Aufgaben dürfen vorübergehend anders verteilt werden
Wenn ein Kind in den ersten Wochen bestimmte Betreuungssituationen noch überhaupt nicht mit dem Au-pair akzeptiert, muss daraus kein täglicher Kampf entstehen.
Dann kann es sinnvoll sein, Aufgaben vorübergehend anders zu verteilen.
Vielleicht übernimmt das Au-pair zunächst mehr leichte Aufgaben rund um die Kinder und den Familienalltag, hilft bei der Vorbereitung in der Küche oder verbringt mehr Zeit mit den Geschwisterkindern.
Währenddessen kann es bei dem zurückhaltenden Kind weiterhin präsent sein und langsam Vertrauen aufbauen.
Mit zunehmender Beziehung können anschließend Schritt für Schritt weitere Aufgaben übernommen werden.
Das Ziel bleibt die Betreuung der Kinder – der Weg dorthin darf während der Eingewöhnung flexibel sein.
Eltern müssen dem Au-pair den Rücken stärken
Zeit geben bedeutet allerdings nicht, dass Kinder respektlos mit dem Au-pair umgehen dürfen.
Ein Kind darf sagen:
„Ich möchte gerade nicht mit dir spielen.“
Es darf Zeit brauchen und weiterhin Mama bevorzugen.
Aber Beschimpfen, absichtliches Ignorieren von notwendigen Anweisungen oder respektloses Verhalten sollten Eltern nicht einfach laufen lassen.
Hier sind Mama und Papa gefragt.
Die grundlegenden Regeln des Umgangs miteinander werden von den Eltern gesetzt. Das Au-pair sollte sich seinen Platz in der Familie nicht gegen die Kinder erkämpfen müssen.
Und irgendwann passiert es einfach
Vielleicht sind es am Anfang nur fünf gemeinsame Minuten.
Dann zehn.
Irgendwann geht das Kind mit dem Au-pair allein auf den Spielplatz. Es zeigt ihm sein Lieblingsspielzeug. Es wartet nach der Schule auf das Au-pair oder entwickelt mit ihm einen Insider, den Mama überhaupt nicht versteht.
Und plötzlich ist dieser Mensch, der vor einigen Wochen noch vollkommen fremd war, ein wichtiger Teil des Alltags geworden.
Genau deshalb sollte die Frage in den ersten Tagen nicht lauten:
„Warum akzeptiert mein Kind unser Au-pair nicht?“
Sondern:
„Was braucht mein Kind, um diesem neuen Menschen vertrauen zu können?“
Denn eine gute Beziehung zwischen Kind und Au-pair kann man nicht erzwingen.
Man kann ihr aber Zeit, Sicherheit und viele kleine Gelegenheiten geben, zu wachsen.

Melanie Matl
Gründerin
Selbst Mutter eines Kindes mit Behinderung.


