Die ersten Wochen mit dem Au-pair: Was ist in der Eingewöhnung normal?

Das Au-pair ist endlich da. Nach Wochen oder Monaten der Vorbereitung beginnt das gemeinsame Au-pair-Jahr – und natürlich wünschen sich Gastfamilien, dass möglichst schnell alles funktioniert.
Das Au-pair ist endlich da. Nach Wochen oder Monaten der Vorbereitung beginnt das gemeinsame Au-pair-Jahr – und natürlich wünschen sich Gastfamilien, dass möglichst schnell alles funktioniert.
Doch dann ist das Au-pair müde. Es fragt bei jeder Kleinigkeit nach. Es spricht weniger Deutsch als erwartet. Es wartet auf Anweisungen, anstatt selbstständig mit anzupacken. Die Kinder hören nicht auf das Au-pair. Vielleicht zieht es sich abends häufig in sein Zimmer zurück.
Und schnell entsteht die Frage:
Haben wir uns für das falsche Au-pair entschieden?
In den allermeisten Fällen lautet die Antwort nach wenigen Tagen oder Wochen: Das lässt sich noch gar nicht beurteilen.
Denn ein Au-pair muss nicht nur einen neuen Job kennenlernen. Es muss sich in einem neuen Land, einer fremden Familie, einer anderen Kultur und häufig in einer noch ungewohnten Sprache einleben.
Das braucht Zeit.
Die Eingewöhnung eines Au-pairs kann bis zu drei Monate dauern
Natürlich gibt es Au-pairs, die bereits nach wenigen Tagen wirken, als hätten sie schon immer zur Familie gehört.
Bei anderen dauert es deutlich länger.
Als Orientierung sollten Gastfamilien damit rechnen, dass die wirkliche Eingewöhnung eines Au-pairs mehrere Wochen und durchaus bis zu drei Monate dauern kann.
In dieser Zeit lernt das Au-pair nicht nur seine Aufgaben.
Es lernt Ihre Kinder kennen. Ihre Routinen. Ihre Erwartungen. Ihren Humor. Ihre Regeln. Den Weg zur Schule. Den Supermarkt. Öffentliche Verkehrsmittel. Die deutsche Sprache. Und ganz nebenbei muss es verarbeiten, dass Familie, Freunde und alles Vertraute plötzlich Tausende Kilometer entfernt sind.
Müdigkeit und Jetlag sind am Anfang völlig normal
Viele Au-pairs haben eine lange Reise hinter sich und kommen aus einer völlig anderen Zeitzone und einem anderen Klima nach Deutschland.
Dazu kommen unzählige neue Eindrücke.
Selbst ein ganz normaler Tag kann in den ersten Wochen unglaublich anstrengend sein, wenn man permanent zuhören, übersetzen, beobachten und Neues aufnehmen muss.
Geben Sie Ihrem Au-pair deshalb gerade am Anfang ausreichend Zeit zum Schlafen und Erholen.
Müdigkeit bedeutet nicht automatisch Desinteresse.
Heimweh gehört häufig dazu
Am Anfang ist vielleicht noch alles aufregend. Dann kehrt langsam Alltag ein – und plötzlich fehlt Zuhause.
Die Familie. Freunde. Das gewohnte Essen. Die eigene Sprache.
Heimweh kann sich ganz unterschiedlich zeigen. Manche Au-pairs sind traurig, andere telefonieren sehr viel mit ihrer Familie oder ziehen sich häufiger in ihr Zimmer zurück.
Das muss nicht bedeuten, dass sich das Au-pair in Ihrer Familie unwohl fühlt oder den Aufenthalt abbrechen möchte.
Zeigen Sie Interesse, bieten Sie gemeinsame Aktivitäten an und geben Sie gleichzeitig Raum.
Ein neues Zuhause entsteht nicht innerhalb weniger Tage.
„Unser Au-pair zeigt überhaupt keine Eigeninitiative“
Auch diesen Satz hören wir immer wieder.
Dabei lohnt sich die Frage: Weiß das Au-pair überhaupt schon, dass es selbst entscheiden darf?
Viele Au-pairs sind jung und haben zuvor noch nie in einem vergleichbaren Arbeitsverhältnis gearbeitet. Gleichzeitig kommen sie aus Kulturen und Familienstrukturen, in denen Hierarchien und der Umgang mit Erwachsenen möglicherweise ganz anders gelebt werden.
Sie fragen sich:
Darf ich das einfach machen? Soll ich warten, bis die Gastmutter etwas sagt? Darf ich mit den Kindern allein rausgehen? Soll ich eingreifen oder macht Mama das? Ist das überhaupt meine Aufgabe?
Eigeninitiative braucht Sicherheit.
Wenn die Gastmutter jedes Mal sofort übernimmt, sobald das Au-pair einen Moment zögert, lernt es möglicherweise unbewusst: Ich soll lieber warten.
Zeigen Sie deshalb zunächst Abläufe, machen Sie Dinge gemeinsam und geben Sie anschließend bewusst Verantwortung ab.
Sagen Sie ruhig ausdrücklich:
„Das darfst du ab jetzt selbst entscheiden.“
Vormachen. Gemeinsam machen. Selbst machen lassen.
Gerade am Anfang hilft ein ganz einfaches Prinzip:
Erst zeigen. Dann gemeinsam machen. Dann selbstständig übernehmen lassen.
Wie wird morgens die Brotdose gepackt? Was braucht das Kind für die Schule? Wie läuft das Abholen ab? Was passiert nachmittags? Wo liegen die Sachen für den Sport?
Was für Sie selbstverständlich ist, sieht Ihr Au-pair zum ersten Mal.
Wenn etwas nach zwei Tagen noch nicht funktioniert, zeigen Sie es noch einmal.
Ein Au-pair muss Ihren Familienalltag erst lernen dürfen.
Die Sprachbarriere darf kein täglicher Stresstest werden
Das Au-pair kommt nach Deutschland, um unter anderem seine Deutschkenntnisse zu verbessern.
Das bedeutet zwangsläufig: Am Anfang ist das Deutsch noch nicht perfekt.
Wenn etwas Wichtiges nicht verstanden wird, machen Sie daraus keinen Test.
Erklären Sie es zunächst in einfachem Deutsch. Wird es weiterhin nicht verstanden, können Sie beispielsweise auf Englisch erklären, was gemeint ist, und anschließend den deutschen Satz oder die wichtigsten deutschen Begriffe wiederholen.
So entsteht aus einer Sprachbarriere eine Lernsituation.
Auch die Kinder können dabei wunderbar helfen und dem Au-pair immer wieder deutsche Wörter erklären.
Wichtig ist vor allem, dass niemand Angst bekommt, nachzufragen.
Auch die Kinder testen das neue Au-pair
„Bei Mama darf ich das aber!“
„Du kannst mir gar nichts sagen!“
„Ich will, dass Mama das macht!“
Auch das kann zur Eingewöhnung gehören.
Kinder müssen zunächst herausfinden, welche Rolle dieser neue Mensch in ihrem Alltag hat. Manche akzeptieren das Au-pair sofort, andere testen Grenzen.
Und genau an dieser Stelle brauchen Au-pairs die Unterstützung der Eltern.
Es ist nicht die Aufgabe des Au-pairs, sich seinen Platz in der Familie gegen die Kinder erkämpfen zu müssen.
Wenn ein Kind respektlos mit dem Au-pair spricht, Anweisungen bewusst ignoriert oder immer wieder versucht, es auszuspielen, sind zunächst die Eltern gefragt.
Machen Sie Ihren Kindern klar:
Unser Au-pair gehört zu unserer Familie auf Zeit. Wenn es gerade für euch verantwortlich ist, gelten seine Anweisungen genauso. Und wir sprechen respektvoll miteinander.
Die grundlegende Erziehung und das Setzen dieser Grenzen bleiben Aufgabe der Eltern.
Nicht nach wenigen Tagen über das Matching urteilen
Natürlich gibt es Situationen, in denen ein Au-pair und eine Gastfamilie tatsächlich nicht zusammenpassen.
Aber Müdigkeit, Unsicherheit, Heimweh, fehlende Eigeninitiative oder sprachliche Schwierigkeiten in den ersten Tagen sind für sich genommen noch kein Zeichen für ein gescheitertes Matching.
Schauen Sie vielmehr auf die Entwicklung.
Wird das Au-pair von Woche zu Woche sicherer? Fragt es nach? Nimmt es Feedback an? Entsteht langsam eine Beziehung zu den Kindern? Werden Abläufe selbstständiger?
Nicht Perfektion in Woche eins ist entscheidend, sondern Entwicklung in den ersten Wochen.
Geben Sie Ihrem Au-pair Zeit anzukommen
Nach einigen Monaten sieht der Alltag häufig vollkommen anders aus als in den ersten Tagen.
Das Au-pair kennt plötzlich jeden Termin. Die Kinder rufen nach ihm. Aus vorsichtigem Deutsch werden ganze Gespräche. Dinge, die anfangs fünfmal erklärt werden mussten, passieren selbstverständlich.
Genau deshalb sollte man einem neuen Au-pair nicht nach zwei Tagen das Gefühl geben, nicht gut genug zu sein.
Ankommen braucht Zeit. Vertrauen braucht Zeit. Selbstständigkeit braucht Zeit.
Ein Au-pair-Jahr dauert zwölf Monate.
Die ersten Wochen dürfen davon ruhig zum Ankommen und Lernen gehören.
Der Verlauf
Acht Wochen, Station für Station
Woche 1 · AnkommenSchlafen, schauen, wenig vornehmenDie erste Woche ist eine Erschöpfungswoche, keine Kennenlernwoche.
Abschied, Flug, erste Nacht im fremden Haus: Wer in dieser Woche viel schläft, kommt an. Zeigen Sie Haus, Ort und den Weg zum Sprachkurs. Das große Familienessen hat ein Jahr Zeit — am ersten Abend wird nicht groß gekocht. Hausregeln und Wochenplan werden nicht überreicht, sondern ein paar Tage später gemeinsam durchgegangen.
Woche 2–3 · RückzugDie Zimmertür geht zuEin Tag in fremder Sprache ist Schwerstarbeit. Das Zimmer ist der einzige erwartungsfreie Ort.
Der Rückzug nach der Arbeitszeit ist die häufigste Beobachtung dieser Wochen und fast nie Ablehnung. Trennen Sie Beobachtung von Deutung: „zieht sich zurück“ ist das eine, „mag uns nicht“ das andere. Einladen ohne zu verpflichten — offene Tür, gedeckter Platz, und ein Nein kostet nichts.
Woche 3–4 · UnsicherheitWenig Eigeninitiative, drei stille HürdenKühlschrank, Einkauf, allein vor die Tür: drei Mutproben, die von außen wie Kleinigkeiten aussehen.
Eigeninitiative entsteht aus Sicherheit, nicht aus Aufforderung. Kleine, klar umrissene Aufträge tragen jetzt weiter als der Wunsch nach Selbstständigkeit. Mitnehmen statt schicken: der erste Einkauf gemeinsam, der Heimweg einmal im Dunkeln, und einmal ausdrücklich sagen, dass die Küche offensteht.
Woche 5–6 · Erste MaleDer erste Einkauf alleinFortschritt zeigt sich als Reihe kleiner erster Male, nicht als Sprung.
Ein Einkauf ohne Begleitung, eine eigene Verabredung, eine Frage an Ihr Kind, die in keinem Plan steht, ein Witz statt einer Entschuldigung. Es lohnt sich, bewusst darauf zu achten — sonst sieht man nur, was noch fehlt.
Woche 7–8 · AnkommenDer Alltag trägt sich selbstAbsprachen halten ohne Erinnerung, das Kind sucht von sich aus Nähe.
Vieles läuft jetzt ohne Ansage: Handgriffe sitzen, Wege sind bekannt, das Au-pair setzt sich abends dazu, ohne gerufen zu werden. Wenn Sie nach einigen Wochen drei erste Male benennen können, läuft die Eingewöhnung. Was jetzt noch stiller wird statt offener, wird angesprochen.
Monat 3 · DanachWas auch jetzt noch schwer bleibtSprache, Feiertage, Heimweh und der Blick auf die Zeit nach dem Jahr.
Lange Tischgespräche in schnellem Deutsch bleiben anstrengend, Feiertage fern von zu Hause sind schwer, und die Frage nach Ausbildung oder FSJ kommt früher, als Familien erwarten. Die Kurve geht nicht gleichmäßig nach oben, und sie muss es nicht. In diesen zwölf Wochen laufen die wöchentlichen Online-Calls, und Sie können uns schreiben.
Erfahrungswerte aus unseren Familien, keine Norm. Manches kommt früher, manches gar nicht.

Melanie Matl
Gründerin
Selbst Mutter eines Kindes mit Behinderung.


