Ein Au-pair kommt wie ein neuer Azubi: Warum Einarbeitung so wichtig ist

Ein neues Au-pair kennt Ihre Abläufe nicht — so wie ein Azubi am ersten Arbeitstag. Zeigen, vormachen, gemeinsam machen, begleiten, Verantwortung übergeben: Dieses Prinzip trägt die ersten Wochen. Und Verantwortung muss ausgesprochen werden, damit das Au-pair weiß, wofür es zuständig ist.
„Das weiß man doch.“
Dieser Satz ist wahrscheinlich einer der größten Stolpersteine in den ersten Wochen mit einem Au-pair.
Natürlich weiß das Au-pair, dass ein Kind morgens frühstückt. Aber weiß es auch, welche Brotdose Ihr Kind mit in die Schule nimmt? Was hinein darf? Wo die Trinkflasche steht? Dass dienstags zusätzlich die Sportsachen mitmüssen? Oder dass Ihr Kind morgens erst angezogen wird und danach frühstückt – und nicht umgekehrt?
Nein. Woher auch?
Ein neues Au-pair ist ein bisschen wie ein neuer Azubi am ersten Arbeitstag. Niemand würde einem Auszubildenden morgens die Bürotür öffnen und erwarten, dass er mittags sämtliche Abläufe des Unternehmens kennt.
Und trotzdem passiert genau das im Au-pair-Alltag erstaunlich schnell.
Ihr Familienalltag ist für Sie selbstverständlich – für Ihr Au-pair nicht
Familien entwickeln über Jahre ihre eigenen Abläufe.
Sie wissen, welche Tasse morgens einen Streit verhindert. Welches Kind zuerst ins Badezimmer muss. Welche Brotdose wohin gehört. Dass mittwochs die Sportsachen gebraucht werden und dass Ihr Kind nach der Schule erst einmal zehn Minuten Ruhe braucht, bevor irgendjemand etwas von ihm möchte.
Viele dieser Dinge sprechen Eltern untereinander überhaupt nicht mehr aus.
Sie funktionieren einfach.
Dann zieht ein Au-pair ein – und soll diesen Familienalltag innerhalb kürzester Zeit verstehen.
Das kann nicht funktionieren, wenn niemand ihn erklärt.
Einarbeitung bedeutet: zeigen, vormachen, begleiten
Gerade in den ersten Wochen sollte ein Au-pair deshalb nicht sofort alles allein übernehmen müssen.
Ein einfaches Prinzip hilft:
Zeigen. Vormachen. Gemeinsam machen. Begleiten. Verantwortung übergeben.
Nehmen wir den Morgen vor der Schule.
Am ersten Tag beobachtet das Au-pair, wie Sie den Morgen gestalten. Sie erklären nebenbei, was Sie tun und warum.
Am nächsten Tag übernimmt das Au-pair vielleicht bereits die Brotdosen, während Sie weiterhin den restlichen Ablauf übernehmen.
Danach bereitet es Frühstück und Schulsachen selbstständig vor.
Und irgendwann heißt es:
„Ab morgen ist der Morgenablauf dein Bereich.“
Jetzt weiß das Au-pair nicht nur, wie etwas funktioniert. Es weiß auch eindeutig: Dafür bin jetzt ich verantwortlich.
Auch Kinderbetreuung und Spielen müssen gelernt werden
„Aber mit einem Kind spielen muss man doch nicht erklären.“
Doch – manchmal schon.
Denn auch dabei kennt das Au-pair Ihre Familie noch nicht.
Woher soll ein junger Mensch aus einem anderen Land wissen, wie Sie mit Ihren Kindern spielen?
Vielleicht liebt Ihr Kind Rollenspiele. Vielleicht braucht es jemanden, der aktiv Ideen vorgibt. Vielleicht möchte es lieber malen, bauen oder draußen sein. Ein Kind mit Behinderung kommuniziert möglicherweise auf eine ganz eigene Weise oder benötigt Unterstützung, um überhaupt in ein gemeinsames Spiel hineinzufinden.
Setzen Sie sich deshalb am Anfang ruhig dazu.
Spielen Sie gemeinsam.
Das Au-pair kann beobachten, wie Sie Ihr Kind ansprechen, wie Sie es motivieren, wann Sie helfen und wann Sie sich zurückhalten.
Beim nächsten Mal übernimmt das Au-pair einen Teil.
Und irgendwann ziehen Sie sich bewusst zurück.
Auch Beziehung und Interaktion können durch Beobachtung gelernt werden.
Vormachen bedeutet nicht kontrollieren
Einarbeitung darf nicht mit dauerhafter Kontrolle verwechselt werden.
Das Ziel ist nicht, dass das Au-pair nach drei Monaten noch darauf wartet, dass die Gastmutter jeden einzelnen Schritt vorgibt.
Genau das Gegenteil ist der Fall.
Gute Einarbeitung soll das Au-pair dazu befähigen, selbstständig zu werden.
Dafür muss die Gastfamilie irgendwann auch loslassen.
Wenn Sie jeden Handgriff korrigieren, jedes Spiel vorgeben und sofort einspringen, sobald etwas anders läuft als bei Ihnen, wird das Au-pair kaum eigene Sicherheit entwickeln.
Zeigen Sie, was wichtig ist – und akzeptieren Sie anschließend auch, dass Ihr Au-pair manche Dinge ein wenig anders macht.
Anders bedeutet nicht automatisch falsch.
Verantwortung muss ausgesprochen werden
Ein weiterer häufiger Stolperstein entsteht, wenn Eltern glauben, sie hätten Verantwortung bereits abgegeben – das Au-pair weiß davon aber nichts.
Die Gastmutter denkt:
„Sie müsste doch inzwischen wissen, dass sie nachmittags die Trinkflasche auffüllt.“
Das Au-pair denkt:
„Mama macht das normalerweise. Ich möchte mich nicht einmischen.“
Deshalb reicht es nicht, Abläufe nur zu zeigen.
Benennen Sie Verantwortung ausdrücklich.
Zum Beispiel:
„Ab dieser Woche bist du morgens für die Brotdosen verantwortlich.“
„Wenn du die Kinder nachmittags betreust, entscheidest du, ob ihr auf den Spielplatz geht oder zu Hause spielt.“
„Dienstags denkst du bitte selbstständig an die Schwimmtasche.“
Damit bekommt das Au-pair etwas, das gerade am Anfang unglaublich wichtig ist: Sicherheit darüber, was sein eigener Aufgabenbereich ist.
Verantwortung Stück für Stück übertragen
Ein Au-pair muss nicht am dritten Tag den kompletten Familienalltag beherrschen.
Beginnen Sie mit einzelnen, überschaubaren Aufgaben und erweitern Sie diese Schritt für Schritt.
Aus Zuschauen wird Mitmachen.
Aus Mitmachen wird selbstständiges Übernehmen.
Und aus vielen einzelnen Abläufen entsteht irgendwann Routine.
Genau wie bei einem neuen Mitarbeiter oder einem Azubi.
Gute Einarbeitung kostet am Anfang Zeit – und spart später unglaublich viel
Natürlich ist es zunächst aufwendiger, einen Ablauf dreimal zu erklären, als die Brotdose schnell selbst zu packen.
Natürlich dauert gemeinsames Aufräumen länger, als es eben selbst zu erledigen.
Und natürlich braucht es Geduld, daneben zu sitzen, während das Au-pair zum ersten Mal einen Nachmittag mit Ihrem Kind gestaltet.
Doch genau diese Zeit ist eine Investition in die kommenden Monate.
Je besser Ihr Au-pair versteht, wie Ihre Familie funktioniert, was Sie von ihm erwarten und wofür es selbst verantwortlich ist, desto selbstständiger kann es später handeln.
Und irgendwann werden Sie feststellen:
Die Brotdose steht morgens fertig da. Die Schwimmtasche ist gepackt. Das Au-pair hat mit den Kindern längst eigene Spiele und Rituale entwickelt.
Ohne dass Sie daran erinnern mussten.
Nicht, weil das Au-pair all das von Anfang an hätte wissen müssen.
Sondern weil Sie ihm die Chance gegeben haben, es zu lernen.

Melanie Matl
Gründerin
Selbst Mutter eines Kindes mit Behinderung.


