Wenn das Au-pair frei hat: Was bedeutet Freizeit wirklich?

In seiner Freizeit entscheidet das Au-pair selbst, wo es sich aufhält und was es tut. Anwesenheitspflicht und Babysitting sind Arbeitszeit. Gastfamilien sollten freie Zeiten genauso verlässlich einhalten wie Arbeitszeiten und die Freizeitgestaltung nicht bewerten.
„Unser Au-pair hat heute frei – aber es liegt den ganzen Tag in seinem Zimmer.“
„Wir wohnen direkt bei München und trotzdem fährt es nicht in die Stadt.“
„Es könnte doch etwas mit uns unternehmen, anstatt ständig mit seiner Familie zu telefonieren.“
Solche Gedanken hören wir von Gastfamilien immer wieder.
Dabei ist die Antwort eigentlich ganz einfach:
Wenn ein Au-pair frei hat, hat es frei.
Freizeit bedeutet, dass das Au-pair selbst entscheiden kann, wie es diese Zeit verbringt. Es muss nichts unternehmen, muss Deutschland nicht erkunden und muss seine Freizeit auch nicht so gestalten, wie die Gastfamilie es für sinnvoll halten würde.
Wenn das Au-pair seinen freien Sonntag im Bett verbringen, stundenlang mit seiner Familie telefonieren oder bei geschlossener Zimmertür eine Serie schauen möchte, ist das vollkommen in Ordnung.
Denn auch Nichtstun ist Freizeit.
Was bedeutet Freizeit für ein Au-pair?
Freizeit beginnt grundsätzlich dann, wenn das Au-pair keine vereinbarten Aufgaben übernehmen und für die Gastfamilie nicht verfügbar sein muss.
Es kann das Haus verlassen.
Es kann Freunde treffen.
Es kann zum Sport gehen.
Es kann in die Stadt fahren.
Es kann schlafen.
Oder es kann einfach in seinem Zimmer bleiben.
Entscheidend ist:
Das Au-pair entscheidet selbst über seine Zeit.
Genau darin unterscheidet sich Freizeit von Arbeitszeit.
„Aber sie ist den ganzen Tag in ihrem Zimmer“
Gerade dieser Punkt irritiert manche Gastfamilien.
Sie hatten vielleicht eine ganz andere Vorstellung vom Au-pair-Jahr:
Das Au-pair fährt am Wochenende nach München, besucht Schlösser, reist durch Deutschland, trifft andere Au-pairs und entdeckt Europa.
Und stattdessen?
Zimmertür zu.
Handy an.
Bett.
Netflix.
Vielleicht noch ein dreistündiges Telefonat mit Mama.
Das ist nicht automatisch ein Problem.
Viele Au-pairs sind sehr junge Menschen, die vor ihrer Einreise noch nie einen normalen Arbeitsalltag hatten und zum ersten Mal weit entfernt von ihrer Familie leben.
Das eigene Zimmer ist ein wichtiger Rückzugsort
Das Au-pair-Zimmer ist häufig der einzige Ort, an dem das Au-pair wirklich vollständig für sich sein kann.
Der gesamte restliche Alltag findet in einer fremden Familie statt.
Andere Sprache.
Andere Kultur.
Andere Gewohnheiten.
Kinder.
Aufgaben.
Sprachkurs.
Neue Freunde.
Ständig zuhören, verstehen, übersetzen, reagieren und lernen.
Das kann gerade in den ersten Monaten unglaublich anstrengend sein.
Das eigene Zimmer wird dann zum sicheren Rückzugsort.
Und das ist etwas Positives.
Ein Au-pair darf die Tür schließen und Ruhe brauchen.
Ein Au-pair muss seine Freizeit nicht „sinnvoll“ nutzen
Gastfamilien sollten versuchen, die Freizeit ihres Au-pairs nicht zu bewerten.
„Du könntest doch heute einen Ausflug machen.“
Natürlich könnten Sie einen Tipp geben.
„Wenn du Lust hast: Am Wochenende ist in der Stadt ein schönes Fest.“
Wunderbar.
Aber daraus sollte kein:
„Du bist jetzt schon wieder den ganzen Tag zu Hause!“
werden.
Vielleicht würde die Gastmama an ihrem freien Sonntag gerne wandern gehen.
Das Au-pair möchte zwölf Stunden schlafen.
Beides ist Freizeit.
Warum Au-pairs am freien Tag manchmal einfach erschöpft sind
Ein Au-pair-Alltag in Deutschland kann gerade am Anfang viel Energie kosten.
Bis zu sechs Stunden täglich ist das Au-pair im Rahmen seiner Aufgaben präsent. Dazu kommt möglicherweise der Deutschkurs.
Und selbst außerhalb der Arbeitszeit befindet es sich weiterhin in einem fremden Land und häufig in einer Sprache, die es noch nicht sicher beherrscht.
Für uns ist ein Gespräch am Abendbrottisch vielleicht Entspannung.
Für ein Au-pair auf A1- oder A2-Niveau kann es gleichzeitig bedeuten:
zuhören, Wörter erkennen, Zusammenhänge verstehen, überlegen, einen deutschen Satz formulieren.
Das Gehirn arbeitet ständig.
Kein Wunder also, wenn am freien Tag manchmal nur noch eines gewünscht wird:
Ruhe.
Die Zimmertür ist auch eine Grenze
Gerade in Familien mit Kindern sollte außerdem besprochen werden, was eine geschlossene Zimmertür bedeutet.
Kinder lieben ihr Au-pair möglicherweise irgendwann so sehr, dass sie ständig in dessen Zimmer möchten.
„Kommst du spielen?“
„Kann ich kurz rein?“
„Wo bist du?“
Das ist einerseits ein wunderschönes Zeichen für die entstandene Beziehung.
Andererseits braucht auch ein Au-pair Privatsphäre.
Wenn das Au-pair frei hat und sich in sein Zimmer zurückzieht, sollten Eltern ihren Kindern erklären:
Jetzt hat unser Au-pair frei. Jetzt gehört die Zeit ihm.
Das Kinderzimmer der Familie ist Arbeitsplatz und Lebensraum der Kinder.
Das Au-pair-Zimmer ist dagegen der persönliche Rückzugsbereich des Au-pairs.
„Kannst du nur schnell …?“
Hier liegt eine der größten Fallen im Zusammenleben mit einem Au-pair.
Das Au-pair hat frei.
Aber es ist eben da.
„Kannst du nur schnell bei den Kindern bleiben? Ich muss fünf Minuten zur Apotheke.“
„Kannst du nur kurz helfen, die Kinder anzuziehen?“
„Kannst du eben auf das Babyfon hören?“
„Kannst du schnell mit runterkommen?“
Einmal „nur schnell“ dauert vielleicht tatsächlich zehn Minuten.
Aber wenn Freizeit ständig durch solche kleinen Aufgaben unterbrochen wird, ist sie irgendwann keine echte Freizeit mehr.
Deshalb sollte die Gastfamilie die vereinbarten freien Zeiten genauso respektieren wie die Arbeitszeiten.
Anwesenheitspflicht ist keine Freizeit
Eine gute Orientierung lautet:
Kann das Au-pair tatsächlich frei entscheiden, was es jetzt macht und wo es sich aufhält?
Wenn ja, handelt es sich grundsätzlich um Freizeit.
Wenn die Familie dagegen sagt:
„Du musst heute Abend zu Hause bleiben, falls die Kinder wach werden“,
kann das Au-pair über diese Zeit gerade nicht frei verfügen.
Auch wenn die Kinder bereits schlafen und das Au-pair währenddessen auf dem Sofa Netflix schaut, übernimmt es Babysitting und ist für die Kinder verantwortlich.
Diese Zeit gehört deshalb zur Arbeitszeit.
Familienausflug: Freizeit oder Arbeitszeit?
Ähnlich ist es bei Familienaktivitäten.
Die Familie möchte am Sonntag in den Zoo und fragt:
„Wir würden uns freuen, wenn du mitkommst. Heute hast du frei und musst natürlich nicht. Wenn du lieber Freunde treffen möchtest, ist das genauso okay.“
Das ist eine freiwillige Einladung.
Anders sieht es aus, wenn die Familie sagt:
„Am Sonntag fahren wir in den Zoo. Du kommst mit, weil wir dort deine Hilfe mit den Kindern brauchen.“
Dann begleitet das Au-pair die Familie im Rahmen seiner Aufgaben.
Ein schöner Ort macht aus Arbeitszeit nicht automatisch Freizeit.
Entscheidend ist nicht, ob die Aktivität Spaß macht, sondern ob die Anwesenheit und Unterstützung des Au-pairs erwartet wird.
Wenn das Au-pair freiwillig als Familienmitglied mitkommt
Natürlich muss man das Zusammenleben trotzdem nicht künstlich in „Arbeit“ und „Nicht-Arbeit“ zerlegen.
Ein Au-pair ist Familienmitglied auf Zeit.
Wenn es an seinem freien Tag freiwillig mit zum Zoo, Weihnachtsmarkt oder Badesee möchte, kann es selbstverständlich ganz normal Teil des Familienlebens sein.
Dann trägt vielleicht jeder einmal eine Tasche, jemand hält kurz eine Jacke und alle achten gemeinsam aufeinander.
Der entscheidende Unterschied ist:
Das Au-pair wurde eingeladen – nicht zum Dienst eingeteilt.
Und wenn es sagt:
„Danke, aber ich möchte heute lieber zu Hause bleiben“,
sollte das genauso in Ordnung sein.
Und wie ist es mit gemeinsamen Mahlzeiten am freien Tag?
Auch hier lohnt es sich, bereits am Anfang über die Familienregeln mit dem Au-pair zu sprechen.
Vielleicht sagt eine Familie:
„Bei uns gibt es jeden Abend um 18 Uhr Abendessen. Auch wenn du frei hast, bist du herzlich eingeladen. Wenn du mitisst, freuen wir uns, wenn du wie alle anderen kurz beim Tischdecken und anschließend beim Abräumen mithilfst.“
Das ist etwas anderes, als dem Au-pair an seinem freien Tag eine Stunde Küchenarbeit zuzuteilen.
Wer gemeinsam als Familie isst, kann sich auch wie ein Familienmitglied an den kleinen gemeinschaftlichen Aufgaben beteiligen.
Aber auch diese Erwartungen sollten ausgesprochen werden.
Was für uns selbstverständlich ist, weiß das Au-pair nicht automatisch
Das Au-pair hat bisher in seiner eigenen Familie gelebt.
Vielleicht räumt dort die Mutter grundsätzlich den Tisch ab.
Vielleicht essen alle zu unterschiedlichen Zeiten.
Vielleicht wird am Wochenende überhaupt nicht gemeinsam gegessen.
Und plötzlich erwartet die Gastfamilie:
„Es ist doch selbstverständlich, dass jeder nach dem Abendessen seinen Teller in die Küche bringt.“
Vielleicht für Sie.
Für Ihr Au-pair möglicherweise nicht.
Deshalb sollten solche kleinen Familienregeln erklärt werden.
Nicht erst nach sechs Wochen genervt feststellen:
„Das macht sie jedes Mal falsch.“
Sondern von Anfang an sagen:
„So machen wir das bei uns.“
Freizeit ist auch für die Integration wichtig
Freie Zeit bedeutet natürlich nicht nur Rückzug.
Sie gibt dem Au-pair auch die Möglichkeit, ein eigenes Leben in Deutschland aufzubauen.
Freunde treffen.
Andere Au-pairs kennenlernen.
Sport machen.
Deutsch sprechen.
Die Umgebung entdecken.
Vielleicht auch einmal bei einer Au-pair-Freundin in einer anderen Stadt übernachten.
Diese Erfahrungen gehören zum kulturellen Austausch.
Gastfamilien dürfen das gerne fördern und Tipps geben.
Aber fördern ist etwas anderes als vorschreiben.
Besonders wichtig bei Familien mit hohem Unterstützungsbedarf
Gerade Familien mit einem Kind mit Behinderung haben häufig einen sehr intensiven Alltag.
Da ist die Versuchung verständlicherweise groß, eine zusätzliche Person möglichst oft einzubeziehen.
Das Au-pair ist schließlich im Haus.
Trotzdem benötigt auch hier das Au-pair verlässliche Erholungszeiten.
Wenn es beispielsweise am Nachmittag ein Kind mit Behinderung intensiv begleitet, mit ihm zur Therapie fährt oder als Freizeitassistenz beim Kinderturnen dabei ist, war es mehrere Stunden aufmerksam und verantwortlich.
Danach darf Feierabend auch wirklich Feierabend bedeuten.
Ein ausgeruhtes Au-pair hilft der ganzen Familie
Freizeit ist kein Luxus.
Sie sorgt dafür, dass das Au-pair am nächsten Tag wieder geduldig mit den Kindern spielen, aufmerksam begleiten und sich auf die Familie einlassen kann.
Wer ständig das Gefühl hat, jederzeit angesprochen und eingesetzt werden zu können, kann irgendwann kaum noch abschalten.
Deshalb profitieren am Ende alle davon, wenn Arbeitszeit und Freizeit klar voneinander getrennt werden.
Leben und leben lassen
Vielleicht verbringt Ihr Au-pair seine Freizeit ganz anders, als Sie es sich vorgestellt haben.
Vielleicht reist es jedes Wochenende.
Vielleicht ist es ständig mit Freunden unterwegs.
Vielleicht liebt es den Sprachkurs und sitzt abends noch über seinen Deutschbüchern.
Oder vielleicht ist sein schönster freier Sonntag:
Tür zu. Schlafanzug an. Mit der Familie telefonieren. Serie schauen. Schlafen.
Alles davon darf sein.
Gastfamilien müssen die Freizeit ihres Au-pairs nicht gestalten, kontrollieren oder bewerten.
Sie müssen nur dafür sorgen, dass es diese Freizeit tatsächlich bekommt.
Und manchmal ist die beste Haltung im gemeinsamen Au-pair-Jahr deshalb erstaunlich einfach:
Wenn das Au-pair arbeitet, darf die Familie klare Aufgaben und Verlässlichkeit erwarten. Wenn es frei hat, darf es seine Zeit selbst gestalten – auch wenn es damit einfach nur hinter seiner geschlossenen Zimmertür liegt und nichts tut.

Melanie Matl
Gründerin
Selbst Mutter eines Kindes mit Behinderung.


