Indische Au-pairs verstehen: Kultur, Sicherheit, Familie und Selbstständigkeit

Au-pair und Gastmutter stehen an einer sonnigen Haltestelle und schauen gemeinsam auf ein Ticket-Display.

Wer ein Au-pair aus Indien in seine Familie aufnimmt, nimmt nicht nur einen jungen Menschen bei sich auf, sondern begegnet auch einer anderen kulturellen Prägung.

Viele Verhaltensweisen, die deutsche Gastfamilien zunächst als Schüchternheit, Unsicherheit oder fehlende Selbstständigkeit wahrnehmen, ergeben plötzlich viel mehr Sinn, wenn man den Hintergrund des Au-pairs kennt.

Dabei ist uns eines besonders wichtig: Es gibt nicht „die indische Kultur“ und natürlich auch nicht „das indische Au-pair“. Indien ist ein riesiges und vielfältiges Land. Herkunft, Familie, Religion, Wohnort, Bildung und persönliche Erfahrungen prägen jeden jungen Menschen unterschiedlich.

Trotzdem begegnen uns in unserer Vermittlungsarbeit immer wieder bestimmte kulturelle Unterschiede, auf die wir Gastfamilien gerne vorbereiten möchten.

Sicherheit wird möglicherweise ganz anders gelernt

„Wir wünschen uns ein selbstständiges Au-pair.“

Diesen Satz hören wir von Gastfamilien sehr häufig.

Gemeint ist damit zum Beispiel:

Das Au-pair soll selbstständig Bus und Bahn fahren, alleine einen Sprachkurs besuchen, am Wochenende die Stadt erkunden, Freunde treffen oder spontan irgendwohin fahren können.

Für uns in Deutschland klingt das bei einer jungen Erwachsenen zunächst selbstverständlich.

Für ein Au-pair aus Indien kann es das aber keineswegs sein.

Je nach Herkunft und familiärem Hintergrund wachsen junge Frauen teilweise deutlich behüteter auf. Eltern achten stark darauf, wo ihre Töchter unterwegs sind, mit wem sie sich treffen und wann sie wieder zu Hause sind. Alleine unterwegs zu sein oder abends öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen, kann innerhalb der Familie ganz anders bewertet werden als in Deutschland.

Dahinter muss keine fehlende Selbstständigkeit stecken.

Es kann schlicht bedeuten:

Was wir in Deutschland als normale Freiheit betrachten, kann für jemanden, der anders aufgewachsen ist, zunächst Unsicherheit auslösen.

Stellen Sie sich die Situation einmal andersherum vor

Sie kommen zum ersten Mal nach Indien.

Sie kennen die Gegend nicht, sprechen die lokale Sprache kaum, verstehen das Verkehrssystem nicht und können überhaupt nicht einschätzen, welche Gegenden sicher sind.

Würden Sie am zweiten Tag selbstverständlich alleine in irgendeinen Bus steigen und irgendwo aussteigen?

Wahrscheinlich nicht.

Vielleicht würde Ihnen sogar jemand sagen:

„Mach das bitte nicht einfach. Lass dir erst erklären, wie das hier funktioniert.“

Genau diesen Perspektivwechsel wünschen wir uns manchmal auch von unseren Gastfamilien.

Für uns ist Deutschland vertraut. Für ein neu angekommenes Au-pair ist es das nicht.

Selbstständigkeit darf wachsen

Deshalb empfehlen wir Familien gerade in den ersten Wochen: Zeigen statt voraussetzen.

Fahren Sie gemeinsam mit Ihrem Au-pair zum Sprachkurs.

Nehmen Sie gemeinsam Bus oder Bahn.

Zeigen Sie, wie Fahrkarten gekauft werden, welche Apps Sie benutzen und wo die Haltestellen sind.

Gehen Sie gemeinsam durch die Umgebung und zeigen Sie Supermarkt, Apotheke, Bank, Café und andere wichtige Orte.

Erklären Sie auch, was in Deutschland vollkommen normal ist: alleine spazieren zu gehen, sich mit Freunden zu treffen oder öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen.

Was für Sie selbstverständlich ist, muss für Ihr Au-pair nicht selbstverständlich sein.

Das Ziel sollte aber natürlich sein, dass das Au-pair diese Wege nach einer Eingewöhnungsphase zunehmend selbstständig bewältigt.

Unterstützung am Anfang bedeutet nicht, einem jungen Menschen dauerhaft alles abzunehmen. Sie schafft die Grundlage dafür, dass Selbstständigkeit entstehen kann.

Freizeit kann ebenfalls anders aussehen

Auch bei der Freizeitgestaltung können unterschiedliche Erwartungen aufeinandertreffen.

Manche unserer indischen Bewerberinnen trinken beispielsweise keinen Alkohol oder rauchen nicht. Je nach familiärem und persönlichem Hintergrund können Partnerschaften, Partys, Übernachtungen bei Freunden oder spätes Ausgehen bisher kaum oder gar keine Rolle gespielt haben.

Dann kommt ein Au-pair nach Deutschland und die Gastfamilie wundert sich:

„Warum geht sie am Wochenende nicht feiern?“

„Warum trifft sie sich nicht ständig mit Freunden?“

„Warum sitzt sie lieber zu Hause?“

Auch hier gilt: Das muss kein Problem sein.

Ein Au-pair-Aufenthalt bedeutet nicht, dass jeder junge Mensch seine Freizeit auf dieselbe Weise gestalten muss.

Vielleicht braucht das Au-pair zunächst Zeit. Vielleicht entsprechen Kino, Café, Spaziergänge, Kirche, Sport oder Treffen mit anderen Au-pairs eher seiner Vorstellung von Freizeit. Und vielleicht entwickelt sich vieles erst mit zunehmender Sicherheit in Deutschland.

Warum das Taschengeld manchmal nicht für Starbucks und Kino gedacht ist

Auch beim Thema Geld erleben wir gelegentlich Missverständnisse.

Gastfamilien sehen das monatliche Taschengeld und denken verständlicherweise:

„Davon kann unser Au-pair am Wochenende etwas unternehmen, einen Kaffee trinken, shoppen oder ins Kino gehen.“

Das Au-pair selbst kann mit diesem Geld jedoch einen völlig anderen Plan haben.

Bei manchen Bewerberinnen wurden Kosten rund um die Vorbereitung und Reise zunächst von der Familie getragen oder mithilfe geliehenen Geldes finanziert. Je nach individueller Situation können beispielsweise Sprachlernen und Prüfungen im Heimatland, Dokumente, Leistungen einer dortigen Partneragentur oder die Reise nach Deutschland finanzielle Belastungen darstellen.

Für Familien mit einem deutlich niedrigeren verfügbaren Einkommen können solche Beträge erheblich sein.

Ein Au-pair kann deshalb bereits vor der Abreise entschieden haben:

Von meinem Taschengeld werde ich einen Teil zurückzahlen oder meine Familie finanziell unterstützen.

Für die Gastfamilie ist das häufig überhaupt nicht sichtbar.

Sie sieht lediglich ein Au-pair, das trotz Taschengeld kaum Geld für Freizeit ausgibt.

Deshalb sollte man nicht automatisch denken:

„Sie integriert sich nicht.“

Vielleicht setzt dieser junge Mensch schlicht andere finanzielle Prioritäten.

Wichtig ist allerdings genauso: Das Au-pair sollte trotz finanzieller Verpflichtungen die Möglichkeit haben, am sozialen und kulturellen Leben in Deutschland teilzunehmen. Der Au-pair-Aufenthalt soll schließlich auch ein kultureller Austausch sein.

Familie hat häufig einen hohen Stellenwert

Für manche jungen Menschen ist die Entscheidung für Deutschland keine rein individuelle Entscheidung.

Die Familie berät mit, unterstützt, organisiert und finanziert möglicherweise Teile der Vorbereitung. Entsprechend kann die Bindung an die Familie während des Aufenthalts sehr stark bleiben.

Regelmäßige Telefonate nach Hause oder ein ausgeprägtes Verantwortungsgefühl gegenüber Eltern und Geschwistern können deshalb zum Alltag gehören.

Auch das sollte eine Gastfamilie zunächst verstehen, bevor sie es bewertet.

Sie wünschen sich ein besonders selbstständiges Au-pair? Dann fragen Sie nach Erfahrungen.

Kultureller Hintergrund ist allerdings nur ein Teil der Persönlichkeit.

Wenn Ihnen als Gastfamilie besonders wichtig ist, dass Ihr zukünftiges Au-pair bereits sehr eigenständig ist, sollten Sie beim Kennenlernen konkrete Fragen stellen.

Eine unserer Lieblingsfragen lautet:

„Hast du schon einmal für längere Zeit nicht bei deinen Eltern gewohnt?“

Manche Bewerberinnen mussten beispielsweise für einen Sprachkurs, ihr Studium oder eine Ausbildung ihre Heimatregion verlassen und mehrere Monate oder sogar ein Jahr in einem Hostel oder einer anderen Unterkunft wohnen.

Das ist eine wertvolle Information.

Wer bereits längere Zeit von seiner Familie getrennt gelebt hat, musste wahrscheinlich schon vieles selbst organisieren:

Einkaufen, Mahlzeiten, Wäsche, Termine, Geld, Tagesablauf, Verkehrsmittel und das Leben mit anderen Menschen.

Das bedeutet natürlich nicht automatisch, dass dieses Au-pair perfekt zu Ihrer Familie passt. Es gibt Ihnen aber zusätzliche Hinweise darauf, wie viel Alltagsselbstständigkeit ein junger Mensch bereits kennenlernen konnte.

Fragen Sie nicht nur: „Bist du selbstständig?“

Fast jedes Au-pair wird diese Frage mit „Ja“ beantworten.

Viel aussagekräftiger sind konkrete Fragen:

  • Hast du schon einmal alleine oder in einem Hostel gewohnt?
  • Wie lange warst du bisher von deiner Familie getrennt?
  • Wie kommst du aktuell zu deinem Sprachkurs oder zur Arbeit?
  • Benutzt du alleine öffentliche Verkehrsmittel?
  • Kochst du für dich selbst?
  • Wäschst du deine eigene Kleidung?
  • Wie organisierst du deine Termine?
  • Was machst du, wenn du an einem neuen Ort den Weg nicht kennst?
  • Bist du schon einmal alleine in eine andere Stadt gereist?
  • Wie stellst du dir deine Freizeit in Deutschland vor?

Aus den Antworten erfahren Sie wesentlich mehr als aus einem einfachen „Yes, I am independent“.

Nicht bewerten – verstehen und entwickeln lassen

Der vielleicht wichtigste Gedanke für Gastfamilien ist:

Anders geprägt bedeutet nicht weniger geeignet.

Ein Au-pair, das am ersten Wochenende noch nicht alleine mit der Bahn in die nächste Großstadt fährt, kann wenige Monate später vollkommen selbstverständlich seinen Sprachkurs besuchen, Freunde treffen und seine Freizeit organisieren.

Ein Au-pair, das sein Taschengeld nicht für Shopping ausgibt, ist nicht automatisch unsozial.

Und ein Au-pair, das am Anfang vorsichtiger ist, ist nicht automatisch unselbstständig.

Gleichzeitig darf eine Gastfamilie natürlich bestimmte Anforderungen haben.

Wenn Sie wissen, dass Ihre familiäre Situation einen jungen Menschen erfordert, der vom ersten Tag an besonders selbstständig, selbstbewusst oder durchsetzungsfähig sein muss, dann sollte genau das bereits beim Kennenlernen eine wichtige Rolle spielen.

Nicht jede Persönlichkeit passt zu jeder Familie.

Und genau deshalb ist das persönliche Kennenlernen so wichtig.

Unser Tipp für die ersten Wochen

Geben Sie Ihrem Au-pair zunächst Orientierung, bevor Sie Selbstständigkeit erwarten.

Zeigen Sie einmal den Weg.

Fahren Sie einmal gemeinsam Bus.

Erklären Sie einmal das Ticketsystem.

Gehen Sie einmal gemeinsam zum Sprachkurs.

Zeigen Sie die Umgebung.

Und dann geben Sie Stück für Stück Verantwortung ab.

Denn Integration bedeutet nicht, dass ein junger Mensch am ersten Tag alles genauso macht wie wir.

Integration bedeutet, dass wir einander verstehen lernen – und dass aus einem zunächst fremden Land Schritt für Schritt ein Ort wird, an dem sich ein junger Mensch sicher und selbstständig bewegen kann.

Redaktion Besondere Sterne · Veröffentlicht am

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