Wenn das Au-pair sein Taschengeld nach Hause schickt: Warum Gastfamilien nicht vorschnell urteilen sollten

Junge Frau sitzt lachend mit Decke auf dem Sofa und telefoniert mit ihrer Familie.

„Unser Au-pair schickt fast sein gesamtes Taschengeld nach Hause.“

Diese Beobachtung beschäftigt manche Gastfamilien.

Sie fragen sich, warum das Au-pair kaum Geld für Freizeitaktivitäten ausgibt, wenig einkauft oder einen großen Teil seines monatlichen Taschengeldes direkt an seine Familie im Heimatland überweist.

Manchmal entsteht daraus sogar die Sorge, dass das Au-pair unter Druck gesetzt wird oder sein Au-pair-Jahr gar nicht richtig genießen kann.

Doch bevor man diese Entscheidung bewertet, lohnt sich ein Blick auf die Lebensrealität vieler junger Menschen, die für ein Au-pair-Jahr nach Deutschland kommen.

Der Weg nach Deutschland beginnt lange vor dem Flug

Ein Au-pair-Jahr beginnt nicht erst am deutschen Flughafen.

Viele Au-pairs haben sich über Monate darauf vorbereitet.

Sie besuchen einen Deutschkurs und legen eine Sprachprüfung ab. Sie benötigen verschiedene Dokumente, kümmern sich um den Visumprozess und bereiten ihre Ausreise vor. Je nach Herkunftsland und persönlicher Situation können weitere Kosten entstehen.

Hinzu kommen gegebenenfalls Gebühren für eine Agentur oder Vorbereitung im Heimatland und schließlich die Kosten für die Reise nach Deutschland.

Was aus deutscher Perspektive vielleicht nach überschaubaren Beträgen klingt, kann für eine Familie in einem Land mit einem wesentlich niedrigeren Durchschnittseinkommen eine enorme Investition darstellen.

Wenn die Familie die Vorbereitung nicht bezahlen kann

Nicht jede Familie kann diese Kosten einfach aus ihren Ersparnissen bezahlen.

In manchen Fällen unterstützt die gesamte Familie den jungen Menschen dabei, seinen Weg nach Deutschland überhaupt möglich zu machen.

Manchmal wird Geld innerhalb der Familie oder im Bekanntenkreis geliehen. In anderen Fällen wird ein Kredit aufgenommen.

Nicht, weil die Eltern ihr Kind nicht unterstützen wollen.

Sondern weil sie die finanziellen Möglichkeiten schlicht nicht haben.

Das Au-pair-Jahr ist dann eine Investition, die eine Familie gemeinsam trägt – und die später zurückbezahlt werden muss.

Deshalb geht ein Teil des Taschengeldes zurück ins Heimatland

Wenn ein Au-pair während seines Aufenthalts einen großen Teil seines Taschengeldes nach Hause überweist, kann genau das der Hintergrund sein.

Vielleicht wird damit ein Kredit zurückgezahlt.

Vielleicht werden Familienmitglieder unterstützt, die bei der Finanzierung des Sprachkurses oder der Reise geholfen haben.

Vielleicht trägt das Au-pair aber auch ganz selbstverständlich zum Einkommen seiner Familie bei.

Was für eine deutsche Gastfamilie ungewöhnlich erscheint, kann für das Au-pair vollkommen normal sein.

Das Au-pair-Jahr ist für viele Teil eines größeren Plans

Gerade für junge Menschen aus Familien mit begrenzten finanziellen Möglichkeiten ist das Au-pair-Jahr häufig nicht einfach ein Jahr, in dem es ausschließlich um Reisen, Freizeit und neue Erfahrungen geht.

Natürlich möchten auch diese Au-pairs Deutschland kennenlernen, Freunde finden und schöne Dinge erleben.

Aber gleichzeitig verfolgen viele einen langfristigen Plan.

Sie möchten ihre Deutschkenntnisse verbessern, Erfahrungen sammeln und anschließend beispielsweise ein FSJ, einen BFD oder eine Ausbildung beginnen.

Das Au-pair-Jahr kann damit der erste Schritt auf dem Weg in eine berufliche Zukunft in Deutschland sein.

Die Investitionen, die vor der Einreise notwendig waren, gehören zu diesem Weg dazu.

„Aber das Taschengeld ist doch für das Au-pair“

Natürlich entscheidet das Au-pair grundsätzlich selbst, wie es sein persönliches Taschengeld verwendet.

Ein Au-pair muss nicht jeden Monat Kleidung kaufen, ins Restaurant gehen oder am Wochenende verreisen, damit es ein gelungenes Au-pair-Jahr hat.

Für den einen bedeutet Freiheit, mit Freunden einen Tagesausflug zu machen.

Für einen anderen bedeutet sie, am Monatsende 200 Euro nach Hause schicken und eine offene Schuld ein Stück weiter reduzieren zu können.

Beides sind persönliche Entscheidungen.

Gastfamilien sollten deshalb vorsichtig damit sein, die Verwendung des Taschengeldes nach ihren eigenen Vorstellungen zu bewerten.

Weniger Freizeitbudget bedeutet nicht weniger Motivation

Ein besonders wichtiger Punkt ist uns dabei:

Die finanzielle Situation eines Au-pairs sagt nichts über die Qualität seiner Arbeit oder seine Beziehung zu den Kindern aus.

Ein Au-pair ist nicht weniger motiviert, weil es Geld nach Hause überweist.

Es ist nicht weniger interessiert an Deutschland, weil es am Wochenende nicht ständig verreist.

Und es macht kein „schlechteres“ Au-pair-Jahr, weil es sehr bewusst mit seinem Geld umgeht.

Im Gegenteil: Hinter dieser Entscheidung kann ein enormes Verantwortungsgefühl gegenüber der eigenen Familie und der eigenen Zukunft stehen.

Trotzdem sollte ein Au-pair in Deutschland gut leben können

Verständnis für die finanzielle Situation bedeutet allerdings nicht, dass sich ein Au-pair während des gesamten Jahres überhaupt nichts erlauben darf.

Ein Au-pair-Aufenthalt bleibt ein kultureller Austausch.

Freunde treffen, Deutschland kennenlernen, am sozialen Leben teilnehmen und auch einmal einen Ausflug machen zu können, gehört zu dieser Erfahrung dazu.

Wenn eine Gastfamilie merkt, dass ihr Au-pair aus finanziellen Gründen auf nahezu alles verzichtet, kann sie deshalb ruhig das Gespräch suchen – ohne zu bewerten oder sich in die privaten Finanzen einzumischen.

Vielleicht gibt es Möglichkeiten, gemeinsam als Familie etwas zu unternehmen oder kostengünstige Freizeitangebote in der Region zu entdecken.

Unterschiedliche Lebensrealitäten verstehen

Ein Au-pair-Jahr bringt nicht nur zwei Kulturen zusammen.

Manchmal treffen auch vollkommen unterschiedliche finanzielle Lebensrealitäten aufeinander.

Für eine Gastfamilie sind 50 Euro vielleicht ein Restaurantbesuch mit den Kindern.

Für die Familie eines Au-pairs können dieselben 50 Euro eine ganz andere Bedeutung haben.

Das zu verstehen, gehört ebenfalls zum kulturellen Austausch.

Deshalb sollte die erste Reaktion nicht sein:

„Warum gibt unser Au-pair sein Taschengeld nicht hier aus?“

Sondern vielleicht:

„Welche Geschichte und welche Verantwortung stehen hinter dieser Entscheidung?“

Man muss die Lebenssituation eines anderen Menschen nicht selbst kennen, um sie respektieren zu können.

Und manchmal verändert ein wenig Hintergrundwissen den Blick auf ein Verhalten, das vorher vollkommen unverständlich erschien.

Redaktion Besondere Sterne · Veröffentlicht am

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