Freizeitassistenz für Kinder mit Behinderung: Wie ein Au-pair Teilhabe ermöglichen kann

Ein Au-pair kann ein Kind mit Behinderung im Rahmen der Kinderbetreuung zu Freizeitaktivitäten begleiten – zum Kinderturnen, Sport, Reiten, Spielplatz oder zu Treffen mit anderen Kindern. Es ersetzt keine Therapie und keine Fachleistung, kann aber Teilhabe ermöglichen, die sonst an fehlender Begleitung scheitert.
Zum Fußballtraining gehen.
Beim Kinderturnen mitmachen.
Auf dem Spielplatz Freunde treffen.
Zum Reiten fahren.
In die Musikschule gehen.
Bei einem Kindergeburtstag dabei sein.
Für viele Kinder sind das ganz normale Bestandteile ihrer Kindheit.
Für ein Kind mit Behinderung kann hinter genau diesen scheinbar selbstverständlichen Freizeitaktivitäten jedoch eine entscheidende Frage stehen:
Wer begleitet mein Kind?
Vielleicht könnte das Kind grundsätzlich am Kinderturnen teilnehmen – aber es braucht jemanden, der während der Stunde dabeibleibt.
Vielleicht würde es gerne Fußball spielen – benötigt aber Unterstützung, um den Ablauf zu verstehen oder in der Gruppe zurechtzukommen.
Vielleicht kann es auf den Spielplatz – aber nicht alleine.
Oder es könnte zu einem Kindergeburtstag gehen, wenn eine vertraute Begleitperson dabei wäre.
Genau deshalb ist Freizeitassistenz für Kinder mit Behinderung so wichtig.
Und eine Möglichkeit, an die viele Familien zunächst überhaupt nicht denken, kann ein Au-pair sein.
Teilhabe scheitert manchmal nicht am Kind – sondern an der fehlenden Begleitung
Das Kind möchte.
Der Verein wäre offen.
Das Angebot wäre da.
Und trotzdem funktioniert es nicht.
Denn Mama kann nicht bei jeder Freizeitaktivität danebenstehen.
Papa arbeitet.
Die Geschwister müssen ebenfalls irgendwohin.
Und eine andere Begleitperson ist nicht verfügbar.
Das Ergebnis:
Das Kind nimmt nicht teil.
Nicht unbedingt, weil es aufgrund seiner Behinderung nicht teilnehmen könnte – sondern weil die notwendige Begleitung fehlt.
Eine zusätzliche vertraute Person im Familienalltag kann genau an dieser Stelle neue Möglichkeiten schaffen.
Was bedeutet Freizeitassistenz für ein Kind mit Behinderung?
Freizeitassistenz kann ganz unterschiedlich aussehen.
Manche Kinder benötigen lediglich eine Wegbegleitung.
Andere brauchen jemanden, der während der gesamten Aktivität dabeibleibt.
Vielleicht benötigt das Kind Unterstützung bei der Orientierung.
Bei der Kommunikation.
Beim Kontakt mit anderen Kindern.
Beim Verstehen von Regeln.
Oder einfach eine vertraute Person, die Sicherheit gibt.
Deshalb sieht Freizeitassistenz bei jedem Kind anders aus.
Und genau das ist das Schöne:
Es geht nicht darum, für das Kind eine eigene „Sonderfreizeit“ zu schaffen.
Es geht darum, ihm die Teilnahme am ganz normalen Freizeitalltag anderer Kinder zu ermöglichen.
Ein Au-pair kann als Freizeitassistenz begleiten
Ein gut eingearbeitetes Au-pair für ein Kind mit Behinderung kann im Rahmen seiner Kinderbetreuungsaufgaben eine solche Begleitung übernehmen.
Zum Beispiel zum:
Kinderturnen,
Fußballtraining,
Reiten,
Musikunterricht,
Schwimmen,
Spielplatz,
Treffen mit anderen Kindern,
Ferienprogramm
oder zu anderen Freizeitaktivitäten.
Vielleicht fährt das Au-pair gemeinsam mit dem Kind mit Bus und Bahn zum Sport.
Vielleicht begleitet es mit dem Fahrrad.
Oder – wenn Führerschein, Fahrpraxis, Versicherung und alle weiteren Voraussetzungen geklärt sind – mit dem Auto.
Damit übernimmt das Au-pair nicht die Aufgabe des Trainers, Therapeuten oder Pädagogen.
Es ist zunächst einmal die vertraute Person an der Seite des Kindes.
Aus „Das geht leider nicht“ kann „Wir probieren es“ werden
Stellen wir uns ein Kind vor, das unbedingt zum Kinderturnen möchte.
Die Turngruppe selbst wäre geeignet.
Aber das Kind braucht eine Eins-zu-eins-Begleitung.
Mama müsste deshalb jede Woche mit in der Halle bleiben.
Gleichzeitig hat das Geschwisterkind genau zu dieser Zeit Fußballtraining.
Also funktioniert Kinderturnen bisher einfach nicht.
Mit einem Au-pair kann die Familie sich aufteilen.
Das Au-pair begleitet zum Kinderturnen.
Mama fährt mit dem Geschwisterkind zum Fußball.
Und plötzlich können beide Kinder ihren Hobbys nachgehen.
Das ist für uns ein ganz wichtiger Teil von Entlastung:
Nicht nur Mama und Papa bekommen Unterstützung.
Auch für die Kinder entstehen neue Möglichkeiten.
Das Au-pair kann zum Brückenbauer werden
Freizeitassistenz bedeutet außerdem manchmal mehr als reine Anwesenheit.
Gerade Kindern, denen soziale Kontaktaufnahme schwerfällt, kann eine vertraute Person helfen, Brücken zu anderen Kindern zu bauen.
Auf dem Spielplatz könnte das ganz einfach aussehen:
„Komm, wir fragen die anderen Kinder, ob wir mitspielen dürfen.“
Oder:
„Wollen wir zusammen den Ball rüberbringen?“
Das Au-pair kann ein gemeinsames Spiel beginnen und sich später wieder etwas zurücknehmen.
Es kann helfen, eine Situation zu erklären.
Andere Kinder ins Spiel einbeziehen.
Oder dem Kind Sicherheit geben, wenn es nicht weiß, wie es Kontakt aufnehmen soll.
Das Ziel sollte dabei immer sein:
so viel Unterstützung wie nötig – und so viel Selbstständigkeit wie möglich.
Auch Kommunikation kann unterstützt werden
Vielleicht spricht das Kind nicht oder nur wenig.
Vielleicht kommuniziert es mit einem Talker.
Mit Gebärden.
Mit Bildkarten.
Oder auf eine ganz eigene Weise.
Wenn das Au-pair diese Kommunikationsform während seiner Einarbeitung kennenlernt, kann es das Kind natürlich auch bei Freizeitaktivitäten darin unterstützen.
Es kann den Talker reichen.
Zeit zum Antworten geben.
Eine bekannte Gebärde verwenden.
Oder anderen Kindern erklären, wie sie mit dem Kind in Kontakt kommen können.
Auch das kann Teilhabe erleichtern.
Ein Au-pair kann Freundschaften nicht herstellen – aber Möglichkeiten dafür schaffen
Das ist eine wichtige Unterscheidung.
Natürlich kann kein Au-pair dafür sorgen, dass ein Kind automatisch Freunde findet.
Aber es kann Situationen ermöglichen, in denen Freundschaften überhaupt entstehen können.
Regelmäßig auf denselben Spielplatz gehen.
Jede Woche zum Kinderturnen.
Im Fußballverein dabei sein.
Nach dem Musikunterricht noch mit anderen Kindern ein Eis essen.
Bei einer Spielverabredung begleiten.
Kinder brauchen Begegnungen, damit Beziehungen entstehen können.
Und manchmal benötigt ein Kind mit Behinderung schlicht jemanden, der diese Begegnungen möglich macht.
Vielleicht wird auch der Kindergeburtstag plötzlich möglich
Eine Einladung zum Kindergeburtstag ist für viele Familien etwas Schönes.
Bei einem Kind mit höherem Unterstützungsbedarf kann aber sofort die nächste Frage entstehen:
Kann mein Kind dort alleine bleiben?
Kennen die anderen Eltern seine Bedürfnisse?
Wer hilft ihm, wenn es Unterstützung benötigt?
Nach Absprache mit der einladenden Familie kann es in bestimmten Situationen eine Möglichkeit sein, dass eine vertraute Begleitperson dabei ist.
Vielleicht nimmt das den anderen Eltern Unsicherheit.
Vor allem aber bekommt das Kind die Möglichkeit, Teil der Gruppe zu sein.
Freizeitassistenz entlastet gleichzeitig die Eltern
Natürlich hat diese Begleitung noch einen zweiten Effekt.
Während das Au-pair mit dem Kind beim Kinderturnen ist, kann Mama arbeiten.
Mit einem Geschwisterkind Zeit verbringen.
Einkaufen.
Einen anderen Termin wahrnehmen.
Oder tatsächlich einmal eine Stunde für sich haben.
Das Au-pair schafft also nicht nur Teilhabe für das Kind.
Es schafft gleichzeitig Entlastung für die Familie.
Besonders Geschwister profitieren von einer zusätzlichen Begleitperson
In Familien mit mehreren Kindern entsteht häufig ein logistisches Problem:
Zwei Kinder haben gleichzeitig unterschiedliche Bedürfnisse.
Das Kind mit Behinderung braucht eine Begleitperson.
Das Geschwisterkind ebenfalls.
Ohne Unterstützung muss eines der Kinder zurückstecken – oder die Eltern organisieren Woche für Woche komplizierte Lösungen.
Mit einem Au-pair gibt es eine weitere Person.
Mama fährt zum Fußball.
Das Au-pair zum Kinderturnen.
Papa bleibt länger bei der Arbeit.
Oder das Ganze wird nächste Woche andersherum verteilt.
Plötzlich gibt es mehr Möglichkeiten, allen Kindern gerecht zu werden.
Freizeitassistenz kann auch ganz unspektakulär sein
Nicht jede Form von Teilhabe braucht einen Verein.
Manchmal bedeutet Freizeitassistenz einfach:
mit dem Kind auf den Spielplatz gehen.
Enten füttern.
Bus fahren.
Ein Eis holen.
In die Bücherei gehen.
Mit Kreide draußen malen.
Auf den Fußballplatz gehen.
Eine Freundin besuchen.
Im Park Roller fahren.
Gerade ein älteres Kind ohne Behinderung würde manche dieser Dinge vielleicht längst ohne seine Eltern machen.
Ein Kind mit Behinderung benötigt möglicherweise weiterhin eine Begleitung.
Ein Au-pair kann ihm dadurch ein Stück altersgerechte Freizeit außerhalb der ständigen Begleitung durch Mama und Papa ermöglichen.
Das Au-pair muss das Kind zunächst gut kennenlernen
Gerade bei einem Kind mit Behinderung sollte Freizeitassistenz nicht am zweiten Tag nach der Ankunft beginnen.
Das Au-pair muss zunächst verstehen:
Wie kommuniziert das Kind?
Wo benötigt es Hilfe?
Was kann es selbst?
Welche Situationen überfordern es?
Wie verhält es sich im Straßenverkehr?
Kann es Gefahren einschätzen?
Was beruhigt es?
Was macht ihm Spaß?
Deshalb gilt auch hier:
vormachen – gemeinsam machen – begleiten – Verantwortung schrittweise übertragen.
Vielleicht gehen Mama, Kind und Au-pair die ersten Male gemeinsam zum Kinderturnen.
Dann übernimmt das Au-pair zunehmend.
Und irgendwann sagt Mama:
„Ihr zwei kennt den Weg und den Ablauf jetzt. Ab nächster Woche könnt ihr das alleine machen.“
Ein Au-pair ist keine Therapeutin – Freizeit darf Freizeit bleiben
Gerade bei Kindern mit Behinderung besteht der Alltag häufig bereits aus vielen Förder- und Therapieterminen.
Logopädie.
Ergotherapie.
Physiotherapie.
Frühförderung.
Arzttermine.
SPZ.
Umso wichtiger finden wir einen Gedanken:
Nicht alles muss Therapie sein.
Auf dem Spielplatz darf einfach gespielt werden.
Beim Fußball darf der Ball einfach ins Tor.
Beim Reiten darf das Pferd einfach Spaß machen.
Und beim Backen darf das Ergebnis auch einmal schiefgehen.
Ein Au-pair kann für ein Kind deshalb auch eine ganz andere Bezugsperson sein:
Nicht Therapeutin.
Nicht Lehrerin.
Nicht Mama.
Sondern vielleicht ein bisschen wie eine große Schwester oder ein großer Bruder, eine Freundin oder ein Freund auf Zeit, mit dem man einfach etwas unternimmt.
Teilhabe findet mitten im Alltag statt
Bei Inklusion denken wir häufig an große Strukturen.
Inklusive Schule.
Inklusiver Kindergarten.
Barrierefreiheit.
Assistenzleistungen.
All das ist wichtig.
Aber Teilhabe von Kindern mit Behinderung findet genauso an einem Dienstagnachmittag auf dem Spielplatz statt.
Im Fußballverein.
Beim Kindergeburtstag.
In der Reithalle.
Im Schwimmbad.
Beim Eisessen.
Oder beim Treffen mit anderen Kindern.
Ein Au-pair kann keine Barrieren aus der Welt schaffen.
Aber es kann für eine Familie eine zusätzliche vertraute Person sein, die sagt:
„Komm, wir gehen zusammen.“
Und manchmal ist genau diese eine zusätzliche Person der Unterschied zwischen:
„Das können wir leider nicht organisieren.“
und:
„Ja. Du kannst mitmachen.“

Melanie Matl
Gründerin
Selbst Mutter eines Kindes mit Behinderung.


