Erwartungen an das Au-pair klären: Familienregeln von Anfang an besprechen

„Das ist bei uns doch selbstverständlich.“
„Das ist bei uns doch selbstverständlich.“
Genau dieser Gedanke führt im Zusammenleben mit einem Au-pair häufig zu Missverständnissen. Denn was für eine Gastfamilie völlig selbstverständlich ist, kann für einen jungen Menschen aus einem anderen Land, einer anderen Familie und einer anderen Kultur vollkommen neu sein.
Deshalb ist es wichtig, Erwartungen an das Au-pair frühzeitig und klar zu besprechen.
Nicht alles muss am ersten Tag geklärt werden. Lassen Sie Ihr Au-pair zunächst ankommen. In der ersten gemeinsamen Woche sollten Sie sich dann aber bewusst Zeit nehmen, um Familienregeln, Tagesabläufe und gegenseitige Erwartungen Schritt für Schritt durchzugehen.
Was bedeutet Pünktlichkeit in Ihrer Familie?
„Bitte sei pünktlich“ klingt eindeutig. Ist es aber nicht unbedingt.
Soll das Au-pair um 7:30 Uhr aus seinem Zimmer kommen oder um 7:30 Uhr bereits fertig angezogen in der Küche stehen und mit der Betreuung beginnen?
Was passiert, wenn der Bus Verspätung hat? Soll das Au-pair kurz Bescheid geben? Wie früh sollte es vor Beginn seiner Au-pair-Zeit wieder zu Hause sein?
Auch der Umgang mit Zeit und Pünktlichkeit kann kulturell unterschiedlich geprägt sein.
Deshalb gilt: Nicht voraussetzen – erklären.
Welche Regeln gelten für das Handy?
Das Smartphone ist eines der häufigsten Themen im Familienalltag – und auch hier gibt es kein allgemeingültiges „Das macht man doch nicht“.
Wenn Sie nicht möchten, dass Ihr Au-pair während der Kinderbetreuung ständig Nachrichten schreibt oder soziale Medien nutzt, sprechen Sie darüber.
Vielleicht lautet Ihre Familienregel:
Während der Betreuung der Kinder bleibt das private Handy im Au-pair-Zimmer.
Vielleicht darf es mitgenommen werden, soll aber nur für wichtige Nachrichten, Navigation oder Erreichbarkeit genutzt werden.
Und wenn bei Ihnen grundsätzlich keine Handys am Esstisch liegen – weder die der Kinder noch die der Erwachsenen –, erklären Sie auch das.
Wichtig ist, dass die Regeln klar und nachvollziehbar sind und nicht erst dann ausgesprochen werden, wenn Sie sich bereits seit drei Wochen darüber ärgern.
Mahlzeiten: gemeinsam essen oder jeder für sich?
Auch beim Essen treffen unterschiedliche Familiengewohnheiten und Kulturen aufeinander.
Isst die Familie abends grundsätzlich gemeinsam? Soll das Au-pair dabei sein? Darf es sich jederzeit Lebensmittel aus dem Kühlschrank nehmen? Gibt es Lebensmittel, die für bestimmte Mahlzeiten eingeplant sind? Wird am Wochenende anders gegessen als unter der Woche?
Und natürlich kann auch das Au-pair Lebensmittel oder Gerichte haben, die es nicht mag oder aus kulturellen, persönlichen oder religiösen Gründen nicht isst.
Sprechen Sie darüber.
Gerade beim gemeinsamen Wohnen sind es häufig die kleinen Alltagsfragen, aus denen später unnötige Missverständnisse entstehen.
Privatsphäre gilt für beide Seiten
Ein Au-pair lebt in Ihrer Familie – trotzdem braucht es einen eigenen privaten Bereich.
Das Au-pair-Zimmer ist sein Rückzugsort. Klären Sie deshalb auch mit Ihren Kindern, dass sie nicht einfach hineinlaufen oder ungefragt Dinge aus dem Zimmer nehmen.
Genauso sollten Sie besprechen, welche privaten Bereiche der Familie respektiert werden sollen.
Auch die Frage, wann das Au-pair seine Zimmertür schließen und sich zurückziehen möchte, gehört zu einem normalen Zusammenleben.
Familienmitglied auf Zeit zu sein bedeutet nicht, rund um die Uhr verfügbar zu sein.
Darf das Au-pair Besuch empfangen?
Auch dieses Thema sollte nicht erst besprochen werden, wenn plötzlich jemand vor der Haustür steht.
Darf das Au-pair Freunde mit nach Hause bringen? Soll es vorher fragen? Sind Übernachtungsgäste erlaubt oder grundsätzlich nicht gewünscht? Gibt es Zeiten, zu denen kein Besuch kommen soll?
Es ist Ihr Zuhause – deshalb dürfen Sie dafür Regeln festlegen.
Für das Au-pair ist es gleichzeitig wichtig, diese Regeln von Anfang an zu kennen.
Auto, Fahrrad und öffentliche Verkehrsmittel
Wenn das Au-pair das Familienauto benutzen darf, sollten die Regeln dafür besonders klar sein.
Darf es das Auto nur während seiner Au-pair-Aufgaben fahren oder auch privat? Wer bezahlt Benzin bei privaten Fahrten? Was passiert bei einem Schaden? Darf jemand anderes mitfahren? Wo werden Schlüssel und Fahrzeugpapiere aufbewahrt?
Auch bei Fahrrad, Bus und Bahn können praktische Fragen geklärt werden.
Je genauer diese Dinge vorher besprochen sind, desto weniger Konfliktpotenzial entsteht später.
Welche Medienregeln gelten für die Kinder?
Ein weiterer wichtiger Punkt sind die Regeln, die für Ihre Kinder gelten.
Wie viel Fernsehen dürfen sie schauen? Wann dürfen Tablet oder Spielekonsole benutzt werden? Welche Inhalte sind erlaubt? Darf das Au-pair mit den Kindern Videos auf seinem eigenen Handy anschauen?
Ihr Au-pair kann Ihre Familienregeln nur umsetzen, wenn es sie kennt.
Gerade bei Medienzeiten sollten deshalb klare und möglichst konkrete Absprachen getroffen werden.
Tages- und Wochenplan geben Orientierung
Neben den Familienregeln hilft ein klarer Tages- und Wochenplan dem Au-pair dabei, seinen neuen Alltag zu verstehen.
Wann beginnt die Betreuung? Wann sind Schule oder Kindergarten? Welche regelmäßigen Termine haben die Kinder? Wann ist Sprachkurs? Welche Zeiten sind frei?
Gastfamilien von Besondere Sterne erhalten hierfür Vorlagen für einen Tages- und Wochenplan sowie Checklisten für wichtige Absprachen im Familienalltag.
Unsere Empfehlung: Setzen Sie sich innerhalb der ersten gemeinsamen Woche in Ruhe zusammen, gehen Sie die Unterlagen Schritt für Schritt durch und halten Sie wichtige Punkte schriftlich fest.
Gerade zu Beginn können die Unterlagen zusätzlich auf Deutsch und Englisch hilfreich sein. Das Au-pair lernt die deutsche Sprache schließlich noch und sollte wichtige Regeln nicht nur ungefähr verstanden haben.
Was nicht ausgesprochen wird, kann das Au-pair nicht wissen
Viele Konflikte im Au-pair-Alltag entstehen nicht, weil jemand absichtlich Regeln missachtet.
Sie entstehen, weil zwei Menschen mit völlig unterschiedlichen Vorstellungen davon zusammenkommen, was „normal“ ist.
Wie pünktlich ist pünktlich? Wann benutzt man sein Handy? Wie selbstverständlich nimmt man sich Essen aus dem Kühlschrank? Wie viel Zeit verbringt eine Familie gemeinsam? Wie geht man mit Besuch um?
Darauf gibt es nicht in jeder Familie – und schon gar nicht in jeder Kultur – dieselben Antworten.
Deshalb ist eine der wichtigsten Regeln für einen guten Start:
Erwarten Sie nicht, dass Ihr Au-pair Ihre Familienregeln automatisch kennt. Sprechen Sie darüber.
Je klarer die Erwartungen am Anfang sind, desto leichter kann aus zwei zunächst fremden Seiten ein gemeinsamer Familienalltag entstehen.

Melanie Matl
Gründerin
Selbst Mutter eines Kindes mit Behinderung.


