Entlastung für Familien mit Kind mit Behinderung: Welche Unterstützung gibt es im Alltag?

Entlastung kann aus mehreren Bausteinen bestehen: HPT, Schulbegleitung, FED, Großeltern – und ein Au-pair als zusätzliche vertraute Person im Familienalltag. Es lebt in der Familie, unterstützt bis zu 30 Stunden pro Woche und kann Lücken schließen, die andere Angebote nicht abdecken.
Ein Kind zur Schule bringen. Arbeiten. Das andere Kind abholen. Zur Ergotherapie fahren. Noch schnell einkaufen. Hausaufgaben. Kinderturnen. Abendessen. Und eigentlich wollte das Geschwisterkind heute auch noch zu einem Freund.
Familien mit einem Kind mit Behinderung haben nicht automatisch einen schwierigen Familienalltag. Aber häufig haben sie einen Alltag, der mehr Organisation, mehr Begleitung und vor allem mehr Zeit benötigt.
Denn viele Dinge, die andere Kinder mit zunehmendem Alter irgendwann selbstständig erledigen, benötigen weiterhin eine erwachsene Begleitperson.
Der Schulweg.
Der Nachmittag.
Der Weg zum Sport.
Ein Besuch auf dem Spielplatz.
Therapietermine.
Freizeitaktivitäten.
Oder einfach die Zeit zwischen Schulende und Feierabend der Eltern.
Deshalb stellt sich für viele Familien irgendwann die Frage:
Welche Unterstützung gibt es für Familien mit einem Kind mit Behinderung – und wie können wir unseren Alltag so organisieren, dass nicht immer alles an Mama und Papa hängen bleibt?
Welche Entlastungsmöglichkeiten gibt es für Familien mit einem Kind mit Behinderung?
Je nach Alter des Kindes, Unterstützungsbedarf, Wohnort und individueller Situation kommen ganz unterschiedliche Hilfen infrage.
Das können beispielsweise eine Heilpädagogische Tagesstätte (HPT), Hort- oder Nachmittagsbetreuung, Schulbegleitung, Familienentlastende beziehungsweise Familienunterstützende Dienste (FED/FUD), Freizeit- und Assistenzangebote oder Ferienbetreuungen sein.
Auch Großeltern, Freunde und andere Angehörige sind für viele Familien ein wichtiger Teil ihres persönlichen Unterstützungsnetzes.
Und natürlich können professionelle Pflege- oder Assistenzleistungen erforderlich sein, wenn ein Kind einen entsprechenden Bedarf hat.
Doch in der Realität bleibt zwischen diesen Angeboten häufig trotzdem ziemlich viel Familienalltag übrig.
Wenn die HPT um 16 Uhr endet, endet der Familienalltag nicht
Vielleicht besucht das Kind eine HPT – aber nur an drei Tagen.
Vielleicht gibt es keinen freien Betreuungsplatz.
Vielleicht endet die Nachmittagsbetreuung zu früh.
Die Schulbegleitung begleitet das Kind während der Schule, aber nicht automatisch durch den gesamten restlichen Familienalltag.
Der Familienentlastende Dienst hat möglicherweise nur begrenzte Kapazitäten.
Die Großeltern helfen gerne, können aber nicht jeden Nachmittag einspringen.
Und genau dazwischen entstehen die berühmten Betreuungslücken:
morgens, nachmittags, zwischen Therapien, am frühen Abend, am Wochenende und in den Ferien.
Für manche Familien kann deshalb ein Au-pair für ein Kind mit Behinderung ein weiterer wertvoller Baustein im Unterstützungssystem sein.
Ein Au-pair lebt dort, wo die Unterstützung gebraucht wird
Das Besondere an einem Au-pair ist:
Es kommt nicht für zwei Stunden zu einem Termin in die Familie und fährt anschließend wieder.
Das Au-pair lebt als Familienmitglied auf Zeit im Haushalt der Gastfamilie.
Dadurch lernt es den Familienalltag kennen.
Die Kinder.
Die Routinen.
Die Schule.
Die Lieblingsspiele.
Die Wege.
Die Geschwister.
Die Freizeitaktivitäten.
Und natürlich auch die Besonderheiten des Kindes mit Behinderung.
Nach einer guten Eingewöhnungszeit kann daraus eine vertraute zusätzliche Person im Familienalltag werden.
30 Stunden Unterstützung können ganz unterschiedlich verteilt werden
Ein Au-pair unterstützt eine Gastfamilie bis zu 30 Stunden pro Woche und maximal sechs Stunden täglich, Babysitting eingeschlossen.
Und genau diese Stunden müssen nicht jeden Tag identisch aussehen.
Vielleicht benötigt eine Familie morgens Unterstützung.
Eine andere hauptsächlich nach Schulschluss.
Eine dritte Familie braucht Hilfe bei Freizeitaktivitäten und Therapiewegen.
Und eine andere möchte einmal pro Woche einen Abend als Elternpaar verbringen.
Der Wochenplan kann sich deshalb am tatsächlichen Familienalltag orientieren – natürlich innerhalb der geltenden Rahmenbedingungen des Au-pair-Programms und so, dass auch Sprachkurs und Freizeit des Au-pairs ihren festen Platz haben.
Morgens einfach zwei zusätzliche Hände
Gerade morgens können zwei zusätzliche Hände einen enormen Unterschied machen.
Ein Kind benötigt Unterstützung beim Anziehen.
Das Geschwisterkind sucht seine Sportsachen.
Frühstück muss vorbereitet werden.
Die Brotdose fehlt.
Der Schulbus kommt gleich.
Und ein Elternteil muss eigentlich schon los zur Arbeit.
Das Au-pair kann im Rahmen der Kinderbetreuung unterstützen:
beim Fertigmachen, Frühstück, Packen, Anziehen oder auf dem Weg zu Kindergarten, Schule oder Schulbus.
Aus:
„Wie soll ich gleichzeitig drei Dinge machen?“
wird:
„Wir können uns aufteilen.“
Und genau das ist häufig die eigentliche Entlastung.
Nachmittagsbetreuung für ein Kind mit Behinderung
Auch nach der Schule kann ein Au-pair eine wichtige Bezugsperson sein.
Vielleicht holt es das Kind ab.
Bereitet einen kleinen Snack zu.
Spielt.
Bastelt.
Liest vor.
Geht nach draußen.
Begleitet auf den Spielplatz.
Oder sorgt einfach für einen strukturierten und vertrauten Nachmittag.
Gerade bei einem älteren Kind mit Behinderung, das nicht alleine zu Hause bleiben kann, kann diese Unterstützung besonders wertvoll sein.
Denn Betreuung endet nicht automatisch, nur weil ein Kind zehn, zwölf oder vierzehn Jahre alt geworden ist.
Freizeitassistenz kann Teilhabe ermöglichen
Entlastung bedeutet aber nicht nur:
Jemand passt auf mein Kind auf.
Vielleicht liegt der viel größere Mehrwert darin, dass plötzlich Dinge möglich werden, die vorher organisatorisch kaum machbar waren.
Das Kind würde gerne zum Kinderturnen.
Zum Fußball.
In die Musikschule.
Zur Reitstunde.
Auf den Spielplatz.
In eine inklusive Freizeitgruppe.
Oder einfach einmal mit anderen Kindern Eis essen gehen.
Bei einem Kind ohne Behinderung kommt irgendwann der Punkt, an dem Eltern sagen:
„Viel Spaß, bis später!“
Bei einem Kind mit Behinderung ist vielleicht weiterhin eine Begleitperson notwendig.
Ein Au-pair kann hier – je nach individuellem Unterstützungsbedarf – als Freizeitassistenz und Begleitperson unterstützen.
Und plötzlich muss Mama nicht bei jeder Aktivität danebenstehen.
Das Au-pair als Brückenbauer zu anderen Kindern
Gerade auf dem Spielplatz oder bei Freizeitaktivitäten kann eine vertraute Begleitperson noch eine ganz andere Funktion haben.
Vielleicht fällt es dem Kind schwer, selbst Kontakt aufzunehmen.
Vielleicht kommuniziert es anders.
Vielleicht benötigt es Unterstützung, um in ein gemeinsames Spiel hineinzufinden.
Dann kann das Au-pair ein kleiner Brückenbauer zwischen dem Kind mit Behinderung und anderen Kindern sein.
„Dürfen wir mitspielen?“
„Wollen wir zusammen einen Ball holen?“
„Komm, wir bauen gemeinsam eine Sandburg.“
Manchmal braucht Inklusion keinen großen Plan.
Manchmal braucht es einfach jemanden, der den ersten Kontakt erleichtert.
Vielleicht wird dadurch sogar ein Kindergeburtstag möglich
Auch solche Situationen kennen Familien.
Das Kind wird eingeladen – aber die anderen Eltern sind unsicher:
Kann unser Kind die notwendige Betreuung leisten?
Was müssen wir beachten?
Braucht das Kind dauerhaft Unterstützung?
Vielleicht kann nach vorheriger Absprache eine vertraute Begleitperson dabei sein.
Das kann Unsicherheit nehmen und dem Kind ermöglichen, an normalen Erlebnissen seiner Altersgruppe teilzunehmen.
Denn Teilhabe findet nicht nur in Schule und Therapie statt.
Sie findet auf Spielplätzen, Geburtstagen, beim Sport und mitten im ganz normalen Kinderleben statt.
Therapietermine müssen nicht immer an den Eltern hängen bleiben
Ergotherapie.
Physiotherapie.
Logopädie.
Frühförderung.
Reittherapie.
Viele Familien verbringen jede Woche Stunden auf Therapiewegen.
Nach einer sorgfältigen Einarbeitung kann ein Au-pair auch Therapietermine begleiten, sofern dies für das Kind passt und mit der jeweiligen Einrichtung entsprechend abgestimmt ist.
Es übernimmt dadurch keine Therapie.
Aber es kann den Weg begleiten, während einer Einheit dabei sein, wenn dies vorgesehen ist, und vielleicht sogar Anregungen kennenlernen, die später spielerisch im Alltag aufgegriffen werden können.
Und manchmal ist die beste Aufteilung genau andersherum:
Mama fährt mit dem Kind zur Therapie – und das Au-pair verbringt währenddessen einen schönen Nachmittag mit den Geschwisterkindern.
Auch Fahrdienste können den Alltag erleichtern
Hat das Au-pair einen geeigneten Führerschein, ausreichend Fahrpraxis und ist die Nutzung des Familienautos einschließlich des Versicherungsschutzes geklärt, kann nach entsprechender Einarbeitung auch das Fahren der Kinder eine mögliche Aufgabe sein.
Schule.
Kindergarten.
Therapie.
Sportverein.
Freizeitaktivität.
Gerade in ländlichen Regionen kann ein großer Teil der familiären Belastung schlicht daraus bestehen, ständig irgendwohin fahren zu müssen.
Allerdings gilt auch hier:
Ein Au-pair aus einem anderen Land sollte nicht am zweiten Tag den Autoschlüssel bekommen und mit dem Kind durch den Berufsverkehr fahren.
Straßenverkehr, Verkehrsregeln, Fahrzeug und Strecken müssen zunächst gemeinsam kennengelernt und geübt werden.
Und dann gibt es noch die Geschwisterkinder
Entlastung für eine Familie mit einem Kind mit Behinderung bedeutet immer auch, die gesamte Familie zu betrachten.
Vielleicht braucht das Kind mit Behinderung sehr viel Aufmerksamkeit.
Aber sein Bruder möchte trotzdem zum Fußball.
Seine Schwester möchte eine Freundin treffen.
Und manchmal möchte ein Geschwisterkind Mama einfach für sich alleine haben.
Auch hier schafft eine zusätzliche Person Möglichkeiten.
Das Au-pair bleibt beim Kind mit Behinderung – und Mama macht einen Ausflug mit der Schwester.
Oder Mama begleitet einen wichtigen Termin und das Au-pair geht mit dem Bruder zum Sport.
Es geht nicht darum, ein Kind „abzugeben“.
Es geht darum, Zeit innerhalb der Familie wieder anders verteilen zu können.
Und manchmal brauchen auch Eltern einfach Zeit
Ein Au-pair kann auch am Abend im Rahmen seiner Arbeitszeit babysitten.
Und dann dürfen Mama und Papa einmal aus der Haustür gehen.
Gemeinsam.
Nicht zur Therapie.
Nicht zum Elternabend.
Nicht zum Arzt.
Sondern ins Restaurant.
Ins Kino.
Spazieren.
Zu Freunden.
Oder einfach zwei Stunden irgendwo sitzen und miteinander reden.
Gerade wenn ein Kind auch in einem höheren Alter nicht alleine bleiben kann, kann Paarzeit über Jahre schwierig zu organisieren sein.
Eine vertraute Person im eigenen Zuhause kann hier einen großen Unterschied machen.
Ein Au-pair ersetzt nicht alle anderen Hilfen
Das ist uns bei Besondere Sterne besonders wichtig.
Ein Au-pair ersetzt keine Pflegekraft.
Es ersetzt keinen Pflegedienst.
Es ist keine Therapeutin.
Und eine notwendige Schulbegleitung wird nicht einfach durch ein Au-pair ersetzt.
Ein Au-pair ist eine zusätzliche Unterstützung im Familienalltag.
Und häufig liegt genau darin seine Stärke.
Eine Familie muss sich nicht zwingend entscheiden:
HPT oder Au-pair.
FED oder Au-pair.
Schulbegleitung oder Au-pair.
Vielleicht sieht das individuelle Unterstützungsnetz ganz anders aus:
Vormittags Schule mit Schulbegleitung.
An drei Nachmittagen HPT.
An zwei Nachmittagen Au-pair.
Therapie einmal mit Mama, einmal mit dem Au-pair.
Am Wochenende Unterstützung durch die Großeltern.
Und einmal im Monat FED.
Entlastung darf aus mehreren Bausteinen bestehen.
Das Au-pair wird nicht am ersten Tag zur vertrauten Betreuungsperson
Auch das gehört zu einer realistischen Erwartung.
Ein Au-pair kommt aus einem anderen Land.
Vielleicht aus einer anderen Kultur.
Mit einer anderen Muttersprache.
Es kennt die Familie nicht.
Und vor allem kennt es das Kind noch nicht.
Deshalb braucht es eine gute Eingewöhnungs- und Einarbeitungszeit.
Eltern zeigen.
Das Au-pair schaut zu.
Dann macht man Dinge gemeinsam.
Anschließend übernimmt das Au-pair erste kleine Aufgaben.
Und Stück für Stück entsteht mehr Verantwortung.
Gerade bei einem Kind mit Behinderung sollte diese Zeit ernst genommen werden.
Denn Vertrauen lässt sich nicht beschleunigen.
Manchmal braucht eine Familie keine weitere perfekte Lösung – sondern einen weiteren Menschen
Viele Eltern suchen jahrelang nach der einen Unterstützung, die endlich alles auffängt.
Aber vielleicht gibt es diese eine Lösung gar nicht.
Vielleicht braucht es ein Netzwerk.
Schule.
HPT.
Therapeuten.
Assistenzangebote.
Großeltern.
Freunde.
Und vielleicht zusätzlich einen jungen Menschen, der für ein Jahr Teil der Familie wird.
Ein Au-pair für ein Kind mit Behinderung kann nicht jede Aufgabe übernehmen.
Aber es kann an unglaublich vielen kleinen Stellen des Tages sagen:
„Ich bin da. Das kann ich übernehmen.“
Den Schulweg.
Den Spielplatz.
Das Kinderturnen.
Den Nachmittag.
Den Therapieweg.
Das Geschwisterkind.
Den freien Abend.
Und aus diesen vielen kleinen Zeitfenstern kann etwas entstehen, das Familien mit einem hohen Betreuungs- und Organisationsaufwand oft dringend brauchen:
wieder ein bisschen mehr Luft im Familienalltag.

Melanie Matl
Gründerin
Selbst Mutter eines Kindes mit Behinderung.


