Au-pair und öffentliche Verkehrsmittel: Selbstständigkeit mit Bus und Bahn muss manchmal erst gelernt werden

Junge Frau wartet an einem Bushaltestellen-Häuschen in einer Kleinstadt und schaut auf ihr Handy, weiches Tageslicht.

„Das Au-pair kann doch einfach den Bus nehmen.“

Für uns klingt dieser Satz vollkommen selbstverständlich.

Wir öffnen die Fahrplan-App, schauen nach der nächsten Verbindung, kaufen ein Ticket, steigen um und fahren weiter.

Doch stellen wir uns die Situation einmal andersherum vor:

Wir kommen gerade erst in Simbabwe, Indien, Nigeria oder einem anderen für uns völlig fremden Land an. Würden wir dort am zweiten Tag selbstverständlich in irgendeinen Bus steigen und alleine quer durch eine fremde Großstadt fahren?

Wahrscheinlich nicht.

Wir würden zunächst wissen wollen: Wo kaufe ich mein Ticket? Woher weiß ich, welcher Bus der richtige ist? Wie erkenne ich meine Haltestelle? Wo muss ich umsteigen? Was passiert, wenn ich den Bus verpasse? Und wie komme ich wieder nach Hause?

Genau so kann es einem Au-pair gehen, das gerade erst in Deutschland angekommen ist.

Selbstständigkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln darf deshalb gelernt werden.

Bus und Bahn sind nicht überall selbstverständlich

Unsere Au-pairs kommen aus ganz unterschiedlichen Ländern, Regionen und Lebenssituationen.

Manche sind es gewohnt, täglich öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen.

Andere wurden in ihrem Heimatland viel von Eltern oder Geschwistern gefahren.

Wieder andere kennen zwar Busse, aber kein deutsches Verkehrsnetz mit S-Bahn, U-Bahn, Straßenbahn, Regionalbahn und verschiedenen Buslinien.

Hinzu kommen eine neue Sprache, fremde Ortsnamen und ein völlig unbekanntes Ticketsystem.

Deshalb sollte eine Gastfamilie nicht automatisch erwarten:

„Du bist 23 Jahre alt. Du wirst schon wissen, wie du mit dem Bus zur Schule kommst.“

Vielleicht weiß das Au-pair es nach wenigen gemeinsamen Fahrten.

Aber zuerst müssen wir es ihm zeigen.

Selbstständigkeit beginnt mit Orientierung

Schon in den ersten Tagen nach der Ankunft kann die Gastfamilie gemeinsam mit dem Au-pair die nähere Umgebung kennenlernen.

Wo ist die nächste Bushaltestelle?

Wo befindet sich der Bahnhof?

Welche Linie fährt in die Innenstadt?

Wie kommt man zur Sprachschule?

Wie kommt man zum Kindergarten oder zur Schule?

Wo muss umgestiegen werden?

Welche Haltestelle liegt beim Sportverein oder bei der Therapie?

Und wie findet das Au-pair anschließend wieder nach Hause?

Diese Orientierung gibt Sicherheit.

Gerade in den ersten Tagen ist das unglaublich wichtig.

Die ersten Fahrten gemeinsam machen

Wenn das Au-pair später regelmäßig ein Kind mit dem Bus von der Schule abholen soll, empfehlen wir:

Fahren Sie die Strecke zunächst gemeinsam.

Zeigen Sie, welche Linie genommen wird und an welcher Haltestelle ausgestiegen werden muss.

Laufen Sie gemeinsam von der Haltestelle zur Schule.

Zeigen Sie den Treffpunkt, an dem das Kind wartet.

Und fahren Sie anschließend gemeinsam wieder nach Hause.

Das Gleiche gilt für Kindergarten, Therapie, Sprachkurs oder Freizeitangebote.

Eine Strecke, die zweimal gemeinsam gefahren wurde, wirkt plötzlich schon viel weniger kompliziert.

Erst vormachen – dann Verantwortung abgeben

Auch hier können Gastfamilien nach dem gleichen Prinzip vorgehen, das wir bei Besondere Sterne für viele Bereiche der Einarbeitung empfehlen:

Vormachen. Gemeinsam machen. Begleiten. Verantwortung übertragen.

Beim ersten Mal organisiert die Gastfamilie die Fahrt.

Beim zweiten Mal schaut das Au-pair bereits genauer mit.

Beim nächsten Mal kann man die Rollen tauschen.

Jetzt sucht das Au-pair selbstständig die Verbindung heraus, sagt, wann man losgehen muss, findet das richtige Gleis und entscheidet, wo ausgestiegen wird.

Mama oder Papa fährt noch mit – hält sich aber bewusst zurück.

So kann man wunderbar beobachten:

Findet das Au-pair die Verbindung?

Kann es sich orientieren?

Weiß es, was es bei einer Verspätung machen muss?

Findet es den Rückweg?

Und irgendwann kommt der Moment, an dem man sagen kann:

„Diese Strecke kennst du jetzt. Ab morgen kannst du sie selbstständig übernehmen.“

Nicht am zweiten Tag allein quer durch München

Gerade in größeren Städten kann das Verkehrsnetz zunächst überwältigend wirken.

U-Bahn, S-Bahn, Bus, Straßenbahn, unterschiedliche Bahnsteige und kurzfristige Gleisänderungen – dazu Durchsagen auf Deutsch.

Für jemanden, der gerade erst angekommen ist und vielleicht Deutsch auf A1-Niveau spricht, ist das nicht unbedingt selbsterklärend.

Deshalb ist fehlende Selbstständigkeit in den ersten Tagen kein Zeichen dafür, dass ein Au-pair grundsätzlich unselbstständig ist.

Manchmal fehlt schlicht Erfahrung mit genau diesem System.

Geben Sie Orientierung – und anschließend die Möglichkeit, selbstständig zu werden.

Fahrplan-Apps gemeinsam einrichten

Ein Smartphone kann dabei enorm helfen.

Zeigen Sie Ihrem Au-pair, welche App für den öffentlichen Nahverkehr in Ihrer Region sinnvoll ist.

Speichern Sie zunächst wichtige Orte:

Zuhause.

Schule.

Kindergarten.

Sprachschule.

Therapie.

Sportverein.

Bahnhof.

Zeigen Sie, wie eine Verbindung gesucht wird und wo Verspätungen oder Änderungen angezeigt werden.

Auch Google Maps oder andere Navigationsangebote können am Anfang zusätzliche Sicherheit geben.

Das Ziel ist nicht, dass die Gastfamilie dauerhaft jede Verbindung heraussucht.

Das Ziel ist:

Das Au-pair lernt, es selbst zu tun.

Deutschlandticket und Tickets erklären

Auch das Ticketsystem sollte besprochen werden.

Je nachdem, welche Wege das Au-pair regelmäßig zurücklegt, kann beispielsweise ein Deutschlandticket oder ein anderes regionales Angebot sinnvoll sein.

Welche Fahrkarte tatsächlich passt, hängt vom Wohnort und den regelmäßig benötigten Verbindungen ab.

Wichtig ist zunächst, dem Au-pair zu erklären:

Welche Fahrkarte habe ich?

Wo gilt sie?

Was muss ich bei einer Kontrolle zeigen?

Brauche ich für bestimmte Verbindungen ein anderes Ticket?

Auch das gehört zur Orientierung in einem neuen Land.

Was passiert, wenn etwas schiefgeht?

Der Bus fährt nicht.

Die Bahn hat Verspätung.

Das Au-pair steigt eine Station zu spät aus.

Der Anschluss wird verpasst.

Auch solche Situationen sollten einmal besprochen werden.

Gerade am Anfang hilft ein einfacher Satz:

„Wenn du unsicher bist, ruf uns an.“

Das Au-pair sollte wissen, dass ein Fehler nicht automatisch ein Drama ist.

Wer Angst hat, etwas falsch zu machen, wird häufig noch unsicherer.

Wer dagegen weiß, dass er bei einem Problem anrufen kann, traut sich eher, Dinge selbstständig auszuprobieren.

Öffentliche Verkehrsmittel können für Kinder mit Behinderung Teilhabe ermöglichen

Für Familien mit einem Kind mit Behinderung können Bus und Bahn noch eine ganz andere Bedeutung haben.

Vielleicht kann das Kind öffentliche Verkehrsmittel aufgrund seines Entwicklungsstandes nicht alleine nutzen.

Mit einer vertrauten Begleitperson ist es aber problemlos möglich.

Dann kann das Au-pair das Kind beispielsweise mit dem Bus zum Sport, zur Musikschule, zur Therapie oder zu einem Freizeitangebot begleiten.

Und manchmal muss es gar keinen Termin geben.

Busfahren kann auch ein schöner Nachmittagsausflug sein

Manche Kinder lieben Busse und Bahnen.

Warum daraus nicht eine schöne Nachmittagsroutine machen?

Das Au-pair fährt beispielsweise gemeinsam mit dem Kind ein paar Stationen mit dem Bus zu einem schönen Park.

Dort wird eine Runde spazieren gegangen.

Vielleicht geht es auf den Spielplatz.

Danach gibt es ein Eis.

Und anschließend fahren beide wieder gemeinsam nach Hause.

Für das Kind ist es ein schöner Nachmittag.

Für das Au-pair ist es gemeinsame Kinderbetreuung.

Und ganz nebenbei übt das Kind vielleicht Mobilität, Orientierung und Teilhabe im öffentlichen Raum.

Schwerbehindertenausweis und Begleitperson

Bei einem Kind mit Behinderung können außerdem besondere Regelungen für die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel bestehen.

Abhängig von den im Schwerbehindertenausweis eingetragenen Merkzeichen und den weiteren Voraussetzungen kann das Kind zur unentgeltlichen Beförderung im öffentlichen Personenverkehr berechtigt sein. Ist das Merkzeichen B eingetragen, kann auch eine Begleitperson unentgeltlich mitfahren.

Ob diese Voraussetzungen im individuellen Fall vorliegen und welche Dokumente benötigt werden, sollten Familien anhand des Schwerbehindertenausweises und der dazugehörigen Berechtigungen prüfen.

Das kann für Familien besonders interessant sein, wenn das Au-pair das Kind regelmäßig als Begleitperson oder Freizeitassistenz zu Aktivitäten begleitet.

Das Au-pair kann auch als Freizeitassistenz unterwegs sein

Gerade bei einem Kind mit Behinderung kann ein Au-pair im Freizeitalltag eine wertvolle Freizeitassistenz sein.

Es begleitet das Kind zum Spielplatz, zum Sportverein, zum Kinderturnen, in den Musikgarten oder zu anderen Freizeitangeboten.

Öffentliche Verkehrsmittel schaffen dafür zusätzliche Möglichkeiten.

Vielleicht können Eltern das Kind nicht jeden Nachmittag fahren.

Das Au-pair kann aber gemeinsam mit dem Kind Bus oder Bahn nutzen und dadurch Aktivitäten ermöglichen, die sonst organisatorisch schwierig wären.

Unter bestimmten Voraussetzungen können Assistenzleistungen im Freizeitbereich auch im Zusammenhang mit dem Persönlichen Budget eine Rolle spielen. Ob und in welchem Umfang dies im individuellen Fall möglich ist, muss mit dem zuständigen Leistungsträger geklärt werden.

Auch Begleitfahrten sind Arbeitszeit

Wenn das Au-pair ein Kind mit Bus oder Bahn zur Schule, Therapie oder Freizeitaktivität begleitet, gehört diese Zeit zur Arbeitszeit des Au-pairs.

Auch wenn beide 20 Minuten im Bus sitzen und dabei aus dem Fenster schauen.

Das Au-pair ist in dieser Situation nicht privat unterwegs, sondern begleitet das Kind im Rahmen seiner vereinbarten Aufgaben.

Diese Zeiten müssen deshalb bei den maximal sechs Stunden täglich und 30 Stunden wöchentlich berücksichtigt werden.

Selbstständigkeit kann man nicht verlangen – aber fördern

Natürlich wünschen sich Gastfamilien ein selbstständiges Au-pair.

Und das ist vollkommen verständlich.

Das Ziel sollte auch sein, dass das Au-pair irgendwann sagt:

„Kein Problem. Ich hole die Kinder ab und wir fahren danach mit dem Bus zum Kinderturnen.“

Aber Selbstständigkeit entsteht nicht dadurch, dass man einen jungen Menschen in ein fremdes Land setzt und sagt:

„Du bist erwachsen. Find dich zurecht.“

Sie entsteht durch Wissen, Erfahrung und Sicherheit.

Zeigen Sie die Umgebung.

Fahren Sie die ersten Strecken gemeinsam.

Erklären Sie Tickets und Apps.

Lassen Sie anschließend das Au-pair die nächste Fahrt organisieren, während Sie nur noch begleiten.

Und übertragen Sie danach Schritt für Schritt die Verantwortung.

Denn wenn wir selbst morgen mitten in einem fremden Land stehen würden, wären wir vermutlich auch dankbar, wenn jemand beim ersten Mal sagt:

„Komm, ich zeige dir, wie es hier funktioniert.“

Redaktion Besondere Sterne · Veröffentlicht am

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