Das Au-pair als Teil des Familiensystems: Welche Rolle hat es im Familienalltag?

Ein Au-pair sollte verstehen, wie die Familie funktioniert und welche Rolle es darin einnimmt. Dafür erklärt die Gastfamilie ihren Alltag, spricht Erwartungen aus und passt die Aufgabenverteilung in regelmäßigen Feedbackgesprächen immer wieder an.
Ein Au-pair zieht nicht einfach in ein freies Zimmer ein und übernimmt 30 Stunden pro Woche eine Liste von Aufgaben.
Es zieht in ein bestehendes Familiensystem ein.
In diesem System hat bereits jeder seinen Platz.
Mama.
Papa.
Die Kinder.
Vielleicht ein Kind mit Behinderung.
Geschwisterkinder.
Vielleicht Großeltern, die regelmäßig unterstützen.
Und plötzlich kommt ein weiterer junger Mensch dazu, der für mehrere Monate mit dieser Familie zusammenleben und sie im Alltag unterstützen wird.
Damit dieses Zusammenleben funktioniert, finden wir einen Punkt besonders wichtig:
Das Au-pair sollte verstehen, wie diese Familie eigentlich funktioniert – und welche Rolle es darin einnimmt.
Bevor das Au-pair seine Rolle versteht, muss die Familie ihre eigene kennen
Vielleicht lohnt es sich sogar, dass sich Gasteltern vor der Ankunft ihres Au-pairs einmal selbst hinsetzen und überlegen:
Wie funktioniert unser Familienalltag eigentlich?
Wer übernimmt bisher welche Aufgaben?
Wo entsteht bei uns regelmäßig Stress?
Welche Tageszeiten sind besonders schwierig?
Wo fehlt uns eine zusätzliche Hand?
Welche Aufgaben möchten Mama und Papa weiterhin unbedingt selbst übernehmen?
Und wo wünschen wir uns ganz konkret Unterstützung durch unser Au-pair?
Denn nur wenn die Familie selbst weiß, warum sie ein Au-pair aufgenommen hat, kann sie das auch verständlich vermitteln.
Erklären Sie Ihrem Au-pair Ihr Familienleben
Ein Au-pair sieht zunächst nur einen kleinen Ausschnitt.
Vielleicht sieht es eine Gastmama, die morgens hektisch durch die Küche läuft.
Einen Gastpapa, der beim Frühstück schon auf sein Handy schaut.
Ein Kind, das dreimal pro Woche zu einer Therapie muss.
Geschwister, die gleichzeitig zu Schule, Kindergarten und Sport gebracht werden müssen.
Aber das Au-pair kennt den Hintergrund nicht.
Deshalb: Erzählen Sie davon.
Was arbeitet der Gastpapa?
Wann beginnt sein Arbeitstag?
Arbeitet die Gastmama ebenfalls?
Welche Verpflichtungen hat sie?
Welche Termine haben die Kinder?
Wie viel Organisation benötigt das Kind mit Behinderung?
Welche Situationen kosten im Alltag besonders viel Kraft?
Je besser das Au-pair das große Ganze versteht, desto besser kann es verstehen, warum seine Unterstützung an bestimmten Stellen so wichtig ist.
„Warum bin ich eigentlich hier?“
Diese Frage sollte jedes Au-pair nach den ersten Wochen beantworten können.
Vielleicht lautet die Antwort:
„Ich bin vor allem da, damit die Nachmittage entspannter werden.“
Oder:
„Ich unterstütze morgens, damit beide Eltern pünktlich zur Arbeit kommen.“
Oder:
„Wenn Mama mit dem Kind mit Behinderung bei der Therapie ist, bin ich für die Geschwister da.“
Oder:
„Ich begleite das Kind am Nachmittag zu Freizeitaktivitäten, damit es trotz seines Unterstützungsbedarfs teilnehmen kann.“
Oder:
„Ein Abend in der Woche übernehme ich Babysitting, damit die Gasteltern endlich wieder etwas gemeinsam machen können.“
Das sind vollkommen unterschiedliche Rollen.
Und genau deshalb gibt es auch nicht den einen Au-pair-Alltag, der für jede Familie passt.
Ein Au-pair sollte wissen, warum bestimmte Aufgaben wichtig sind
Es macht einen Unterschied, ob ich lediglich höre:
„Donnerstagabend musst du babysitten.“
Oder ob die Familie erklärt:
„Donnerstag ist unser fester Abend, an dem wir versuchen, einmal Zeit als Paar zu verbringen. Seit wir Kinder haben und besonders durch die vielen zusätzlichen Termine unseres Kindes hatten wir dafür lange kaum Möglichkeiten. Deshalb ist uns dieser Abend sehr wichtig.“
Plötzlich versteht das Au-pair den Sinn hinter seiner Aufgabe.
Natürlich bleibt Babysitting Arbeitszeit und muss innerhalb der zulässigen Au-pair-Arbeitszeit geplant werden.
Aber aus einem bloßen Punkt auf dem Wochenplan wird etwas anderes:
Ich verstehe, welchen Unterschied meine Unterstützung für diese Familie macht.
Gerade bei einem Kind mit Behinderung ist der Hintergrund wichtig
In einer Gastfamilie mit einem Kind mit Behinderung sind manche Abläufe für einen Außenstehenden zunächst schwer nachvollziehbar.
Warum kann das Kind nicht einfach alleine auf dem Spielplatz bleiben?
Warum dauert das Fertigmachen morgens so lange?
Warum gibt es mehrere Therapietermine pro Woche?
Warum kann das Geschwisterkind nicht einfach mitkommen?
Warum ist Mama manchmal schon am Nachmittag erschöpft?
Das Au-pair muss keine medizinischen Details kennen, die für seinen Alltag keine Bedeutung haben.
Aber es sollte verstehen, wie sich der Unterstützungsbedarf des Kindes auf den Familienalltag auswirkt.
Denn dann versteht es auch seine eigene Rolle viel besser.
Das Au-pair muss nicht automatisch das Kind mit Behinderung übernehmen
Auch das gehört zur Rollenklärung.
Vielleicht denkt das Au-pair zunächst:
„Ich wurde für eine Familie mit einem Kind mit Behinderung ausgewählt. Also bin ich hauptsächlich für dieses Kind zuständig.“
Das muss überhaupt nicht so sein.
Vielleicht möchte die Gastmama bestimmte Therapien weiterhin selbst begleiten.
Vielleicht übernimmt der Gastpapa morgens bewusst das Kind mit Behinderung.
Dann kann die Rolle des Au-pairs ganz anders aussehen.
Es betreut währenddessen die Geschwister.
Es bringt ein anderes Kind zum Sport.
Es bereitet eine einfache Mahlzeit vor.
Es begleitet am Nachmittag eine Freizeitaktivität.
Oder es sorgt dafür, dass zu Hause bereits bestimmte Dinge erledigt sind, wenn die Eltern zurückkommen.
Entlastung entsteht nicht nur dadurch, dass das Au-pair die schwierigste Aufgabe übernimmt.
Manchmal entsteht sie dadurch, dass es alles andere ein Stück leichter macht.
Das Au-pair ist keine Ersatzmama
Genauso wichtig ist die andere Seite.
Ein Au-pair soll nicht plötzlich die komplette Verantwortung für den Familienalltag übernehmen.
Es ist keine Ersatzmama.
Keine Haushälterin.
Keine professionelle Pflegekraft.
Und auch nicht die Person, die sämtliche Probleme innerhalb der Familie lösen soll.
Die Verantwortung für Erziehung und Familienorganisation bleibt bei den Eltern.
Das Au-pair kommt als zusätzliche unterstützende Person und Familienmitglied auf Zeit dazu.
Diese Grenze schützt beide Seiten.
Welche Rolle möchte das Au-pair selbst einnehmen?
Rollenverteilung funktioniert nicht nur in eine Richtung.
Auch das Au-pair entwickelt während seines Jahres eigene Stärken.
Vielleicht merken alle nach einigen Wochen:
Das Au-pair liebt es, mit dem jüngsten Kind zu basteln.
Es ist großartig darin, das Kind mit Behinderung zum Kinderturnen zu begleiten.
Mit Hausaufgaben fühlt es sich dagegen noch unsicher, weil die deutsche Sprache schwierig ist.
Oder es kocht unglaublich gerne und übernimmt mit Freude einfache Mahlzeiten für die Kinder.
Solche Stärken dürfen genutzt werden.
Ein Wochenplan muss nicht zwölf Monate unverändert bleiben.
Rollen verändern sich während des Au-pair-Jahres
Auch das Familiensystem bleibt nicht gleich.
Kinder entwickeln sich.
Stundenpläne ändern sich.
Therapien fallen weg oder kommen dazu.
Die Arbeitszeiten der Eltern verändern sich.
Das Au-pair wird selbstständiger.
Und Aufgaben, bei denen es in Woche zwei noch Begleitung benötigte, erledigt es nach drei Monaten vollkommen selbstverständlich.
Deshalb lohnt es sich, immer wieder zu fragen:
Passt unsere Aufgabenverteilung eigentlich noch zu unserem Alltag?
Regelmäßige Feedbackgespräche helfen
Neben den kleinen Gesprächen im Alltag empfehlen wir regelmäßige, kurze Feedbackgespräche mit dem Au-pair.
Nicht erst dann, wenn etwas nicht funktioniert.
Setzen Sie sich beispielsweise in Ruhe zusammen und fragen Sie:
Wie fühlst du dich momentan mit deinen Aufgaben?
Gibt es etwas, bei dem du noch unsicher bist?
Welche Aufgaben funktionieren inzwischen gut?
Wo brauchst du noch Unterstützung?
Und genauso darf die Gastfamilie sagen:
„Das klappt mittlerweile richtig gut.“
„Hier wünschen wir uns noch etwas mehr Selbstständigkeit.“
„Diese Aufgabe möchten wir ab jetzt anders verteilen.“
So wird Rollenverteilung nicht zu etwas, das irgendwann stillschweigend entstanden ist.
Sie bleibt etwas, das gemeinsam besprochen werden kann.
Das Au-pair soll nicht Gedanken lesen müssen
Das ist wahrscheinlich einer der wichtigsten Punkte.
Die Gastfamilie denkt:
„Sie müsste doch sehen, dass ich gerade völlig gestresst bin.“
Das Au-pair denkt:
„Ich weiß nicht, ob ich helfen soll oder ob ich mich einmische.“
Die Gastmama denkt:
„Warum nimmt sie nicht einfach die Kinder und geht mit ihnen raus?“
Das Au-pair denkt:
„Vielleicht möchte die Mama gerade selbst Zeit mit ihren Kindern verbringen.“
Beide Seiten können vollkommen gute Absichten haben – und trotzdem aneinander vorbeidenken.
Deshalb:
Sprechen Sie aus, was Sie brauchen.
Aus Aufgaben wird ein gemeinsames Familienleben
Natürlich braucht ein Au-pair klare Arbeitszeiten und Aufgaben.
Aber ein gutes Au-pair-Jahr besteht nicht nur aus:
Montag 15 Uhr Schule abholen.
Dienstag Kinderwäsche.
Mittwoch Kinderturnen.
Donnerstag Babysitting.
Es geht auch darum, dass ein junger Mensch versteht:
Wo bin ich hier eigentlich gelandet?
Wie funktioniert diese Familie?
Was ist ihr wichtig?
Wo braucht sie mich?
Wo sind meine Grenzen?
Und welchen Unterschied macht es, dass ich da bin?
Gerade in einer Familie mit einem Kind mit Behinderung kann die Antwort darauf unglaublich vielfältig sein.
Vielleicht ermöglicht das Au-pair dem Kind mehr Teilhabe.
Vielleicht schafft es Zeit für die Geschwisterkinder.
Vielleicht entlastet es morgens.
Vielleicht ermöglicht es den Eltern wieder Paarzeit.
Vielleicht sorgt es einfach dafür, dass aus einem Nachmittag, an dem normalerweise fünf Dinge gleichzeitig passieren müssten, ein Nachmittag wird, den man miteinander bewältigen kann.
Ein Au-pair findet seinen Platz nicht automatisch – die Familie hilft ihm dabei
Ein neuer Mensch kann nicht innerhalb weniger Tage wissen, wie ein Familiensystem funktioniert.
Diesen Platz findet man gemeinsam.
Indem man erklärt.
Aufgaben zeigt.
Hintergründe erzählt.
Erwartungen ausspricht.
Zuhört.
Feedback gibt.
Und die Rollen immer wieder ein kleines Stück anpasst.
Denn ein Au-pair soll nach einigen Monaten nicht nur wissen:
„Was muss ich heute machen?“
Sondern idealerweise verstehen:
„Das ist mein Platz in dieser Familie. Ich weiß, wo meine Unterstützung gebraucht wird – und ich weiß auch, wo meine Verantwortung endet.“
Genau dann wird aus einer Aufgabenliste wirkliche Entlastung durch ein Au-pair im Familienalltag.

Melanie Matl
Gründerin
Selbst Mutter eines Kindes mit Behinderung.


