Au-pair und nonverbales Kind – wie Kommunikation trotzdem gut gelingt

Sprechen ist nur einer von vielen Wegen. Ein Au-pair lernt die Zeichen eines nonverbalen Kindes durch Beobachten, Nachfragen und gemeinsamen Alltag – und indem es die Kommunikationswege mitträgt, die das Kind bereits nutzt. Dafür braucht es vor allem Zeit.
Sprechen ist nur einer von vielen Wegen, miteinander zu kommunizieren.
Ein Kind, das nicht oder kaum mit Worten spricht, teilt sich trotzdem mit.
Manchmal sogar sehr deutlich – wenn man gelernt hat, hinzuschauen.
Ein Blick.
Eine Bewegung.
Ein bestimmter Laut.
Ein Griff nach der Hand.
Ein Lächeln.
Oder vielleicht auch das Wegdrehen des Kopfes.
All das können Botschaften sein.
Für ein Au-pair, das neu in eine Familie mit einem nonverbalen Kind kommt, beginnt deshalb eine ganz besondere Form des Kennenlernens:
Es lernt die Sprache dieses einen Kindes.
Jedes nonverbale Kind kommuniziert anders
Es gibt kein Wörterbuch, in dem man nachschlagen kann:
Diese Bewegung bedeutet Hunger.
Dieser Laut bedeutet Müdigkeit.
Dieser Blick bedeutet „Lass mich gerade in Ruhe“.
Natürlich gibt es Kommunikationsformen und Hilfsmittel, die erlernt werden können.
Aber daneben entwickelt jede Familie über die Jahre ihr ganz eigenes Verständnis für ihr Kind.
Eltern wissen häufig schon an einem Blick, was gerade los ist.
Sie hören einen bestimmten Laut und wissen sofort:
Jetzt möchte mein Kind etwas trinken.
Oder:
Jetzt wird es gerade zu viel.
Für Außenstehende ist das zunächst überhaupt nicht selbstverständlich.
Geben Sie Ihrem Au-pair Zeit, Ihr Kind lesen zu lernen
Dieser Punkt ist uns besonders wichtig.
Sie kennen Ihr Kind seit Jahren.
Ihr Au-pair vielleicht seit drei Tagen.
Was für Sie vollkommen selbstverständlich geworden ist, muss ein neuer Mensch erst kennenlernen.
Erwarten Sie deshalb nicht, dass Ihr Au-pair innerhalb der ersten Woche jedes Zeichen richtig versteht.
Kommunikation mit einem nonverbalen Kind entsteht über Beziehung, Beobachtung und Zeit.
Das Au-pair schaut hin.
Es fragt nach.
Es erlebt Situationen immer wieder.
Und irgendwann versteht es vielleicht selbst:
„Ah, diesen Laut kenne ich. Jetzt möchte sie etwas anderes.“
Oder:
„Wenn er das macht, braucht er gerade eine Pause.“
Genau dieses Wissen wächst im gemeinsamen Alltag.
Beobachten ist am Anfang wichtiger als sofort verstehen
Ein gutes Au-pair muss nicht am ersten Tag die perfekte Kommunikationsform beherrschen.
Viel wichtiger sind zunächst andere Eigenschaften:
Geduld, Aufmerksamkeit und ehrliches Interesse am Kind.
Wie zeigt das Kind Freude?
Wie zeigt es Ablehnung?
Wie macht es auf sich aufmerksam?
Was passiert, wenn es müde wird?
Woran erkennt man Überforderung?
Was bedeutet ein bestimmter Laut oder eine bestimmte Bewegung?
Das Au-pair darf beobachten und bei den Eltern nachfragen.
Mit der Zeit entsteht daraus ein immer feineres Verständnis.
Unterstützte Kommunikation gehört mit zum Alltag
Viele Familien nutzen bereits Formen der Unterstützten Kommunikation.
Das können beispielsweise Symbolkarten oder Bildkarten sein, ein Talker oder vereinbarte Gebärden.
Das Au-pair muss dabei nichts neu erfinden.
Im Gegenteil.
Seine Aufgabe ist es, die Kommunikationswege kennenzulernen, die das Kind bereits nutzt, und diese im gemeinsamen Alltag möglichst verlässlich mitzugehen.
Wenn das Kind beispielsweise gelernt hat, über bestimmte Symbole zwischen zwei Aktivitäten zu wählen, sollte auch das Au-pair diese Möglichkeit nutzen.
So erlebt das Kind:
Meine Art zu kommunizieren funktioniert auch mit dieser neuen Person.
Manchmal hilft es, gemeinsam von Fachpersonen zu lernen
Wenn ein Kind beispielsweise logopädisch begleitet wird oder mit Unterstützter Kommunikation arbeitet, kann es nach vorheriger Absprache sinnvoll sein, dass das Au-pair einmal mitkommt und zuschaut.
Nicht, weil es therapeutische Aufgaben übernehmen soll.
Ein Au-pair ist keine Fachkraft und ersetzt keine Logopädie oder andere therapeutische Förderung.
Aber es kann beobachten.
Welche Zeichen werden verwendet?
Wie wird der Talker in einer Alltagssituation eingesetzt?
Wie gibt man dem Kind genügend Zeit zu antworten?
Welche Kommunikationsmöglichkeiten sollen auch zu Hause regelmäßig angeboten werden?
Dieses Wissen kann anschließend ganz selbstverständlich in den gemeinsamen Alltag einfließen.
Beim Frühstück.
Beim Spielen.
Beim Anziehen.
Oder bei der Frage:
„Was möchtest du heute machen?“
Nicht für das Kind sprechen – sondern ihm Zeit geben
Wenn Kommunikation länger dauert, passiert etwas schnell:
Erwachsene werden ungeduldig.
Wir stellen eine Frage – und beantworten sie drei Sekunden später selbst.
Gerade ein nonverbales Kind benötigt möglicherweise mehr Zeit, um zu reagieren oder seine Antwort auszudrücken.
Auch das darf ein Au-pair lernen.
Nicht jede Pause muss sofort gefüllt werden.
Manchmal bedeutet gute Kommunikation einfach:
fragen, warten und hinschauen.
Aus Beobachten wird Verstehen
Am Anfang wird Ihr Au-pair wahrscheinlich häufig fragen:
„Was bedeutet das?“
Nach einigen Wochen vielleicht schon seltener.
Und irgendwann erleben Sie möglicherweise einen Moment, in dem Ihr Kind etwas zeigt und das Au-pair ganz selbstverständlich reagiert.
Ohne dass Sie übersetzen müssen.
Genau dann ist etwas Besonderes entstanden.
Aus einem fremden Menschen ist jemand geworden, der Ihr Kind immer besser lesen kann.
Und für ein Kind, das sich nicht über gesprochene Sprache mitteilt, kann das unglaublich wertvoll sein:
Da ist noch ein Mensch, der mich versteht.
Unser Tipp von Besondere Sterne
Geben Sie Ihrem Au-pair nicht nur Informationen über Ihr Kind.
Geben Sie ihm Zeit mit Ihrem Kind.
Zeigen Sie, welche Kommunikationswege bereits funktionieren. Erklären Sie wichtige Zeichen. Lassen Sie das Au-pair beobachten und ermutigen Sie es, nachzufragen.
Und erwarten Sie nicht nach wenigen Tagen ein Verständnis, für das Sie selbst Jahre Zeit hatten.
Ein Au-pair muss die Sprache Ihres Kindes nicht bereits mitbringen.
Es braucht die Bereitschaft, sie zu lernen.
Blick für Blick. Zeichen für Zeichen. Tag für Tag.
Denn Kommunikation beginnt nicht mit Worten.
Sie beginnt damit, dass jemand hinschaut – und verstehen möchte.

Melanie Matl
Gründerin
Selbst Mutter eines Kindes mit Behinderung.


