Au-pair und Gebärdensprache – wenn Ihr Kind mit den Händen spricht

Ein Au-pair muss nicht am ersten Tag sämtliche Gebärden Ihres Kindes kennen. Wichtiger ist die Bereitschaft, sie zu lernen: Zeigen Sie wichtige Zeichen früh, lassen Sie beobachten und ausprobieren – und geben Sie Zeit. Kommunikation wächst im Alltag, Zeichen für Zeichen.
„Unser Kind kommuniziert mit Gebärden. Kann dann überhaupt ein Au-pair zu uns passen?“
Diese Frage beschäftigt Familien verständlicherweise.
Denn wenn ein Kind nicht oder nur eingeschränkt über gesprochene Sprache kommuniziert, entsteht schnell die Sorge:
Was passiert, wenn das Au-pair mein Kind nicht versteht?
Die gute Nachricht ist:
Ein Au-pair muss nicht bereits am ersten Tag sämtliche Zeichen Ihres Kindes kennen.
Viel wichtiger ist etwas anderes:
Es muss bereit sein, sie zu lernen.
Gebärde ist nicht gleich Gebärdensprache
Familien kommunizieren auf ganz unterschiedliche Weise.
Manche Kinder nutzen die Deutsche Gebärdensprache (DGS). Sie ist eine eigenständige Sprache mit eigener Grammatik und einem eigenen sprachlichen System.
Andere Kinder verwenden einzelne unterstützende Gebärden.
Wieder andere Familien haben über die Jahre eine ganz individuelle Kommunikation entwickelt – aus bestimmten Zeichen, Blicken, Bewegungen, Lauten und Gesten.
Entscheidend ist deshalb nicht, irgendein bestimmtes System vorauszusetzen.
Entscheidend ist:
Wie kommuniziert Ihr Kind?
Genau diese Sprache muss das Au-pair kennenlernen.
„Aber unser Au-pair kann keine Gebärdensprache“
Das muss zunächst kein Ausschlusskriterium sein.
Ein Au-pair ist keine Gebärdensprachdolmetscherin und keine Fachkraft für Unterstützte Kommunikation.
Es übernimmt keine therapeutischen oder pädagogischen Aufgaben.
Aber es kann etwas sehr Wichtiges mitbringen:
Offenheit. Geduld. Aufmerksamkeit. Und die Bereitschaft, von Ihrem Kind zu lernen.
Denn für den gemeinsamen Alltag braucht es am Anfang häufig nicht Hunderte Gebärden.
Es braucht zunächst die Zeichen, die für dieses Kind besonders wichtig sind.
Essen.
Trinken.
Mehr.
Fertig.
Hilfe.
Nochmal.
Pause.
Mama.
Papa.
Spielen.
Oder ganz andere Zeichen, die für Ihr Kind im täglichen Leben eine Bedeutung haben.
Mit jedem neuen Zeichen wächst die Möglichkeit, einander besser zu verstehen.
Geben Sie Ihrem Au-pair Zeit
Dieser Punkt ist vielleicht der wichtigste.
Sie leben seit Jahren mit Ihrem Kind.
Sie erkennen möglicherweise einen Blick und wissen sofort, was gemeint ist.
Sie sehen eine kleine Bewegung der Hand und reagieren automatisch.
Dieses Wissen fühlt sich irgendwann selbstverständlich an.
Aber es ist über Jahre gewachsen.
Ihr Au-pair kommt neu in dieses Familiensystem.
Es kann nicht innerhalb weniger Tage lernen, was Sie über Ihr Kind über viele Jahre gelernt haben.
Deshalb braucht es Zeit.
Zeit zum Beobachten.
Zeit zum Nachfragen.
Zeit zum Üben.
Und auch die Möglichkeit, ein Zeichen einmal falsch zu verstehen, ohne sofort das Gefühl zu bekommen, nicht geeignet zu sein.
Die wichtigsten Zeichen schon früh kennenlernen
Sie können Ihrem Au-pair den Einstieg erleichtern.
Zeigen Sie ihm frühzeitig die Gebärden und Zeichen, die Ihr Kind im Alltag besonders häufig verwendet.
Vielleicht gibt es Bilder dazu.
Vielleicht kurze Videos.
Vielleicht eine kleine Übersicht mit den wichtigsten Zeichen.
Auch schon vor der Einreise kann es sinnvoll sein, dem zukünftigen Au-pair einen ersten Eindruck davon zu geben, wie Ihr Kind kommuniziert.
Es geht dabei nicht darum, vor der Ankunft einen kompletten Gebärdensprachkurs zu absolvieren.
Es geht darum, erste Berührungspunkte zu schaffen.
Damit beim Einzug nicht alles vollkommen neu ist.
Lernen passiert mitten im Alltag
Die meisten wichtigen Zeichen lernt das Au-pair dort, wo es sie tatsächlich braucht.
Beim Frühstück.
Beim Anziehen.
Beim Spielen.
Auf dem Spielplatz.
Beim gemeinsamen Backen.
Beim Abendessen.
Das Kind zeigt etwas.
Das Au-pair fragt nach.
Die Eltern erklären.
Beim nächsten Mal erkennt das Au-pair das Zeichen vielleicht schon selbst.
Und irgendwann wird aus bewusstem Lernen etwas Selbstverständliches.
Kommunikation wächst durch Wiederholung.
Das Kind darf dabei selbst zum Lehrer werden
Und manchmal entsteht dabei etwas besonders Schönes.
Denn nicht nur die Eltern können dem Au-pair zeigen, wie das Kind kommuniziert.
Auch das Kind selbst kann zum Lehrer werden.
Vielleicht zeigt es eine Gebärde immer wieder.
Vielleicht korrigiert es auf seine eigene Art.
Vielleicht entsteht sogar Freude daran, dass dieser neue Mensch versucht, seine Sprache zu lernen.
Damit verändert sich auch die Perspektive.
Das Kind ist nicht derjenige, der „nicht sprechen kann“.
Es ist plötzlich derjenige, der etwas kann, das der andere erst lernen muss.
Wenn professionelle Unterstützung vorhanden ist
Nutzt Ihr Kind DGS oder andere Formen Unterstützter Kommunikation und wird dabei beispielsweise therapeutisch oder pädagogisch begleitet, kann auch dieses Wissen hilfreich sein.
Nach entsprechender Absprache kann das Au-pair möglicherweise einmal beobachten, welche Zeichen oder Kommunikationsstrategien im Alltag besonders wichtig sind.
Nicht, um eine Fachkraft zu ersetzen.
Sondern um das, was Ihr Kind bereits gelernt hat, im täglichen Zusammenleben mitzutragen.
Denn Kommunikation funktioniert besonders gut, wenn ein Kind seine vertrauten Zeichen nicht nur in einer bestimmten Situation verwenden kann.
Sondern auch beim Essen, Spielen, Anziehen oder unterwegs.
Verstehen bedeutet mehr als perfekte Gebärden
Natürlich wäre es wunderbar, wenn jeder Mensch, der mit einem gebärdensprachlich kommunizierenden Kind zu tun hat, dessen Sprache perfekt beherrschen würde.
Im Familienalltag entsteht Verständigung aber häufig Schritt für Schritt.
Ein Zeichen.
Ein Blick.
Eine Wiederholung.
Eine Nachfrage.
Und irgendwann ein Moment, in dem das Kind etwas gebärdet und das Au-pair ganz selbstverständlich reagiert.
Ohne dass Mama oder Papa übersetzen müssen.
Genau daraus kann Beziehung entstehen.
Unser Tipp von Besondere Sterne
Suchen Sie nicht ausschließlich nach einem Au-pair, das bereits sämtliche Gebärden Ihres Kindes beherrscht.
Suchen Sie nach einem Menschen, der lernen möchte, Ihr Kind zu verstehen.
Zeigen Sie wichtige Zeichen frühzeitig.
Geben Sie Ihrem Au-pair Hilfestellungen.
Lassen Sie es beobachten und ausprobieren.
Und vor allem: Geben Sie ihm Zeit.
Denn Sie hatten Jahre, um die Sprache Ihres Kindes kennenzulernen.
Ihr Au-pair beginnt gerade erst damit.
Es muss nicht am ersten Tag alles verstehen.
Aber jeden Tag ein bisschen mehr.
Und irgendwann sind es vielleicht nicht mehr Mama und Papa, die erklären müssen, was das Kind gerade sagen möchte.
Dann gibt es einen weiteren Menschen in seinem Leben, der seine Hände sieht – und versteht.

Melanie Matl
Gründerin
Selbst Mutter eines Kindes mit Behinderung.


