Das Au-pair setzt meinem Kind keine Grenzen – wer ist für die Erziehung verantwortlich?

Ein Au-pair darf und muss in der Betreuung Grenzen setzen. Grundlegende Erziehung übernimmt es jedoch nicht. Damit Regeln tragen, brauchen sie den Rückhalt der Eltern: Kinder müssen wissen, dass Anweisungen des Au-pairs gelten, und das Au-pair muss die Familienregeln kennen.
„Unser Au-pair ist einfach nicht konsequent genug.“
„Die Kinder hören überhaupt nicht auf sie.“
„Sie muss den Kindern doch auch mal Grenzen setzen.“
Solche Rückmeldungen hören wir von Gastfamilien immer wieder.
Und ja: Ein Au-pair muss während der Betreuung in der Lage sein, einem Kind auch einmal Stopp zu sagen. Trotzdem gibt es einen entscheidenden Unterschied zwischen Grenzen im Alltag setzen und die grundsätzliche Erziehung eines Kindes übernehmen.
Denn eines sollte Gastfamilien bewusst sein:
Das Au-pair unterstützt Sie bei der Betreuung Ihrer Kinder. Es ersetzt Sie nicht als Eltern.
Darf ein Au-pair Kindern Grenzen setzen?
Natürlich.
Wenn ein Kind auf die Straße laufen möchte, muss das Au-pair eingreifen.
Wenn Geschwister sich gegenseitig verletzen, darf und muss es die Situation stoppen.
Wenn ein Kind das Au-pair schlägt, darf es selbstverständlich klar sagen:
„Stopp. Du schlägst mich nicht.“
Und wenn vereinbart wurde, dass die Kinder um 7:30 Uhr ihre Schuhe anziehen müssen, damit sie rechtzeitig zur Schule kommen, muss das Au-pair auch sagen dürfen:
„Bitte zieh jetzt deine Schuhe an. Wir müssen los.“
Ein Au-pair darf also selbstverständlich Regeln umsetzen und in der konkreten Betreuung Grenzen setzen.
Aber diese Regeln brauchen den Rückhalt der Eltern.
Erziehung bleibt Aufgabe der Eltern
Problematisch wird es, wenn Eltern erwarten, dass ein 18-, 20- oder 24-jähriges Au-pair in eine Familie kommt und innerhalb weniger Wochen grundlegende Erziehungsprobleme lösen soll.
Wenn ein Kind gelernt hat, Anweisungen zu ignorieren, respektlos mit Erwachsenen umzugehen oder Grenzen immer wieder auszutesten, kann die Verantwortung dafür nicht plötzlich beim Au-pair liegen.
Das Au-pair ist weder Mutter noch Vater.
Und es sollte auch nicht in diese Rolle gedrängt werden.
Die grundlegende Erziehungsverantwortung bleibt bei den Eltern.
„Meine Kinder tanzen unserem Au-pair auf der Nase herum“
Dann lohnt es sich für Eltern, zunächst nicht auf das Au-pair zu schauen – sondern auf die eigene Rolle.
Wissen Ihre Kinder überhaupt, welche Position das Au-pair während der Betreuung hat?
Haben Sie ihnen klar gesagt, dass vereinbarte Regeln auch dann gelten, wenn Mama und Papa gerade nicht dabei sind?
Und erleben Ihre Kinder, dass Sie hinter dem Au-pair stehen?
Wenn ein Kind eine Anweisung des Au-pairs ignoriert und anschließend zu Mama läuft – und Mama erledigt die Sache einfach selbst –, lernt das Kind sehr schnell:
Ich muss nicht auf das Au-pair hören.
Genau hier sind die Eltern gefragt.
Geben Sie Ihrem Au-pair Rückhalt
Kinder dürfen wissen:
„Wenn unser Au-pair gerade für euch verantwortlich ist und sagt, dass wir jetzt zur Schule losgehen, dann zieht ihr eure Schuhe an.“
„Wenn unser Au-pair sagt, dass die Medienzeit vorbei ist, gilt diese Regel.“
„Wir sprechen mit unserem Au-pair genauso respektvoll wie mit anderen Menschen.“
Und ganz besonders:
„Du schlägst, trittst oder beschimpfst unser Au-pair nicht.“
Wenn solche Grenzen überschritten werden, sollte das Au-pair nicht allein dafür verantwortlich sein, sich gegenüber dem Kind durchzusetzen.
Die Eltern müssen anschließend klar Position beziehen.
Besprechen Sie gemeinsam, welche Grenzen gelten
Ein Au-pair kann Familienregeln nur durchsetzen, wenn es diese kennt.
Setzen Sie sich deshalb zusammen und erklären Sie konkret, welche Regeln für Ihre Kinder gelten.
Was passiert, wenn ein Kind nicht mitmachen möchte?
Welche Konsequenzen nutzen Sie innerhalb Ihrer Familie?
Was darf das Au-pair selbst entscheiden?
Wann soll es die Eltern hinzuholen?
Gerade bei Kindern mit besonderen Bedürfnissen oder herausfordernden Verhaltensweisen ist das besonders wichtig.
Wenn Sie bereits wissen, dass Ihr Kind in bestimmten Situationen auf eine bestimmte Weise reagiert, erklären Sie Ihrem Au-pair, wie Sie als Eltern damit umgehen.
Besondere Verhaltensweisen müssen erklärt werden
Vielleicht reagiert Ihr Kind bei Überforderung mit Aggression.
Vielleicht läuft es weg.
Vielleicht wirft es Gegenstände.
Vielleicht braucht es aufgrund seiner Behinderung sehr klare, kurze Anweisungen oder bestimmte Routinen.
Ihr Au-pair kann das nicht automatisch wissen.
Zeigen Sie ihm, welche Situationen auftreten können und wie Sie normalerweise reagieren.
Dann kann das Au-pair während seiner Betreuung dieselben bekannten Grenzen und Strategien anwenden.
Es muss nicht selbst ein Erziehungskonzept entwickeln.
Ein Au-pair sollte nicht zum „strengen Erwachsenen“ werden müssen
Ein Au-pair nimmt innerhalb einer Familie eine besondere Rolle ein.
Es ist Betreuungsperson und gleichzeitig Familienmitglied auf Zeit. Für viele Kinder wird es im Laufe des Jahres ein bisschen wie eine große Schwester, ein großer Bruder oder ein junger erwachsener Freund.
Genau diese besondere Beziehung kann unglaublich wertvoll sein.
Deshalb sollte ein Au-pair nicht permanent in die Rolle gedrängt werden, die Kinder zurechtzuweisen, zu bestrafen und grundlegende Erziehungsarbeit zu leisten.
Natürlich gehören Regeln und Grenzen zur Kinderbetreuung.
Aber die Beziehung zwischen Kind und Au-pair sollte nicht hauptsächlich daraus bestehen, dass das Au-pair versucht, sich Autorität zu erkämpfen.
Konsequenz entsteht auch durch Sicherheit
Manchmal wirkt ein Au-pair nicht konsequent, weil es schlicht unsicher ist.
Darf ich hier Nein sagen?
Was passiert, wenn das Kind weint?
Ist Mama anschließend sauer auf mich?
Darf ich die Medienzeit wirklich beenden?
Was mache ich, wenn das Kind einfach nicht mitkommt?
Diese Fragen sollten Gastfamilien beantworten.
Je klarer das Au-pair weiß, welche Regeln gelten und dass die Eltern hinter ihm stehen, desto sicherer kann es während der Betreuung handeln.
Wenn Sie denken: „Unser Au-pair setzt keine Grenzen …“
… stellen Sie sich zunächst ein paar andere Fragen:
Haben wir unserem Au-pair erklärt, welche Grenzen bei uns gelten?
Weiß es, wie wir in schwierigen Situationen reagieren?
Haben unsere Kinder verstanden, dass die Anweisungen des Au-pairs während der Betreuung gelten?
Und erlebt unser Au-pair tatsächlich, dass wir hinter ihm stehen, wenn unsere Kinder diese Grenzen überschreiten?
Denn ein Au-pair kann Regeln begleiten und Grenzen im Alltag umsetzen.
Es kann klar Stopp sagen.
Es kann Kindern Sicherheit und Orientierung geben.
Aber die Verantwortung dafür, welche grundlegenden Regeln und Werte in einer Familie gelten und wie Kinder lernen, andere Menschen respektvoll zu behandeln, bleibt bei den Eltern.
Das Au-pair soll Sie bei der Betreuung Ihrer Kinder unterstützen.
Die Elternrolle müssen – und sollen – Sie ihm nicht übertragen.

Melanie Matl
Gründerin
Selbst Mutter eines Kindes mit Behinderung.


