Au-pair und Therapie: Darf ein Au-pair mein Kind zur Therapie begleiten?

Ein Au-pair kann ein Kind zu Ergotherapie, Logopädie, Physiotherapie oder Frühförderung begleiten, wenn es gemeinsam mit den Eltern eingearbeitet wurde. Die therapeutische Behandlung selbst bleibt Aufgabe der Fachkräfte.
Ergotherapie am Montag.
Logopädie am Mittwoch.
Physiotherapie am Freitag.
Vielleicht zusätzlich Reittherapie, Frühförderung oder eine andere regelmäßige Förderung.
Für viele Familien mit einem Kind mit Behinderung gehören Therapietermine ganz selbstverständlich zum Wochenplan. Und trotzdem bedeuten sie jedes Mal Organisation:
Wer bringt das Kind hin? Wer holt die Geschwister ab? Wer bleibt während der Therapie dabei? Und wie passt das alles zwischen Schule, Kindergarten, Arbeit und Familienalltag?
Hier kann ein Au-pair für ein Kind mit Behinderung eine wertvolle Unterstützung sein.
Denn das Au-pair kann ein Kind zu Therapieterminen begleiten – ohne dadurch selbst zum Therapeuten zu werden.
Darf ein Au-pair ein Kind zur Therapie begleiten?
Grundsätzlich kann die Begleitung zu Terminen und Aktivitäten des Kindes Teil der normalen Kinderbetreuung sein.
Das Au-pair kann beispielsweise das Kind zur:
- Ergotherapie,
- Physiotherapie,
- Logopädie,
- Frühförderung,
- Reittherapie oder
- anderen regelmäßig stattfindenden Förderangeboten
begleiten.
Wie diese Begleitung konkret aussieht, hängt natürlich vom Kind, seinem Alter und Unterstützungsbedarf sowie von der jeweiligen Praxis oder Einrichtung ab.
Gerade bei einem Kind mit Behinderung sollte das Au-pair zunächst gemeinsam mit den Eltern eingearbeitet werden.
Erst gemeinsam – später vielleicht alleine
Auch hier gilt unser Grundsatz für die Einarbeitung eines Au-pairs:
zeigen – gemeinsam machen – Verantwortung schrittweise übertragen.
In den ersten Wochen fährt vielleicht die Gastmama gemeinsam mit dem Au-pair zur Ergotherapie.
Sie zeigt:
Wo befindet sich die Praxis?
Wie kommen wir dorthin?
Wo wird gewartet?
Was braucht das Kind vorher?
Was muss mitgenommen werden?
Wie reagiert das Kind auf die Therapiesituation?
Kennt das Au-pair den Ablauf irgendwann sicher und fühlt sich auch das Kind damit wohl, kann die Familie überlegen, ob das Au-pair diesen Weg zukünftig selbstständig übernimmt.
Das Au-pair begleitet – die Fachkraft therapiert
Diese Abgrenzung ist uns besonders wichtig.
Ein Au-pair ist keine Ergotherapeutin.
Keine Physiotherapeutin.
Keine Logopädin.
Es übernimmt deshalb nicht die therapeutische Behandlung des Kindes.
Aber natürlich kann es ein Kind zu einer Therapie begleiten und – sofern die therapeutische Einrichtung dies erlaubt und es für das Kind sinnvoll ist – auch einmal bei einer Einheit dabei sein.
Das kann sogar sehr wertvoll sein.
Zuschauen kann helfen, das Kind besser zu verstehen
Stellen wir uns vor, das Au-pair begleitet ein Kind regelmäßig zur Ergotherapie.
Dort sieht es vielleicht:
Wie motiviert die Therapeutin das Kind?
Welche Spiele funktionieren besonders gut?
Wie werden Aufgaben erklärt?
Wie viel Zeit braucht das Kind, bevor es reagiert?
Welche Hilfestellung benötigt es?
Welche Beschäftigungen machen ihm besonders viel Spaß?
Dadurch bekommt das Au-pair einen ganz anderen Einblick in das Kind.
Und genau dieser Einblick kann später im Familienalltag helfen.
Therapieinhalte spielerisch im Alltag aufgreifen
Vielleicht sagt die Ergotherapeutin:
„Dieses Steckspiel könnt ihr zu Hause ruhig öfter machen.“
Oder die Logopädin zeigt ein Spiel, bei dem bestimmte Wörter ganz nebenbei wiederholt werden.
Oder die Physiotherapeutin erklärt, dass bestimmte Bewegungen auf dem Spielplatz besonders schön für das Kind sind.
Natürlich kann das Au-pair solche Anregungen später im normalen Alltag aufgreifen.
Dann wird beim Spielen gesteckt, sortiert, gepuzzelt, geklettert, gesprochen oder eine Gebärde wiederholt.
Das ist keine Therapie durch das Au-pair.
Es ist Alltag.
Und genau das kann schön sein: Dinge, die das Kind ohnehin übt, werden ganz selbstverständlich und spielerisch in den Familienalltag eingebaut.
Auch Kommunikation kann im Alltag weitergeführt werden
Dasselbe gilt für Kinder, die beispielsweise einen Talker, Bildkarten oder Gebärden verwenden.
Vielleicht zeigt die Logopädin dem Au-pair:
„Wenn du ihm etwas anbietest, gib ihm ein bisschen mehr Zeit.“
Oder:
„Wir benutzen für dieses Wort immer diese Gebärde.“
Dann kann das Au-pair diese Form der Kommunikation natürlich auch beim gemeinsamen Spielen verwenden.
Denn Kommunikation endet nicht an der Tür der Logopädie.
Sie findet den ganzen Tag statt.
Therapie begleiten kann Eltern mehrere Stunden Zeit zurückgeben
Ein Therapietermin dauert vielleicht nur 45 Minuten.
Aber im Familienalltag sind daraus schnell zwei Stunden geworden.
Kind fertig machen.
Losfahren.
Parkplatz suchen.
Warten.
Therapie.
Zurückfahren.
Vielleicht noch Verkehr.
Wenn ein Kind mehrere Therapien pro Woche besucht, summiert sich diese Zeit enorm.
Kann ein gut eingearbeitetes Au-pair einzelne Therapiewege übernehmen, entstehen plötzlich kleine Zeitfenster für die Eltern.
Und die können vollkommen unterschiedlich genutzt werden.
Vielleicht arbeitet die Gastmama in Ruhe.
Vielleicht holt sie die Geschwister ab.
Vielleicht erledigt sie den Einkauf.
Oder vielleicht macht sie – tatsächlich einmal gar nichts.
Auch das darf Entlastung sein.
Das Au-pair kann auch während der Therapie für die Geschwister da sein
Es muss aber überhaupt nicht immer das Au-pair sein, das das Kind mit Behinderung zur Therapie begleitet.
Vielleicht möchte die Mutter ganz bewusst selbst bei der Physiotherapie dabei sein.
Dann kann das Au-pair währenddessen eine andere wichtige Aufgabe übernehmen:
Es ist für die Geschwisterkinder da.
Und plötzlich muss der kleine Bruder nicht wieder 45 Minuten im Wartezimmer sitzen.
Das Au-pair holt ihn aus dem Kindergarten ab.
Sie gehen auf den Spielplatz.
Fahren zum Fußball.
Backen zu Hause Muffins.
Oder treffen einen Freund.
Mama kann sich währenddessen vollständig auf den Therapietermin konzentrieren.
Auch das ist Entlastung durch ein Au-pair.
Manchmal übernimmt Papa die Therapie – und das Au-pair hält zu Hause den Alltag am Laufen
Auch diese Variante wird oft unterschätzt.
Vielleicht fährt der Gastpapa mit dem Kind zur Logopädie.
Das Au-pair bleibt mit den anderen Kindern zu Hause.
Hausaufgaben werden gemacht.
Die Kinder spielen.
Eine einfache Mahlzeit wird vorbereitet.
Und wenn Papa mit dem Kind zurückkommt, ist nicht gleichzeitig zu Hause alles liegen geblieben.
Ein Au-pair muss also nicht zwingend den Termin übernehmen, um durch einen Therapietermin zu entlasten.
Es kann genau dort unterstützen, wo durch diesen Termin eine Lücke im Familienalltag entsteht.
Therapie und Au-pair: Die Arbeitszeit mitdenken
Natürlich zählt die Begleitung eines Kindes zu einem Therapietermin zur Arbeitszeit des Au-pairs.
Dabei zählt nicht nur die eigentliche Therapiezeit.
Wenn das Au-pair das Kind abholt, gemeinsam zur Praxis fährt, dort verantwortlich begleitet und anschließend wieder nach Hause fährt, gehört dieser gesamte Zeitraum entsprechend in den Wochenplan des Au-pairs.
Auch hier gelten weiterhin die Rahmenbedingungen des deutschen Au-pair-Programms mit maximal sechs Stunden Aufgaben täglich und insgesamt 30 Stunden pro Woche.
Gerade bei mehreren Therapien kann ein Wochenplan helfen
Bei Familien mit einem Kind mit besonderem Unterstützungsbedarf lohnt sich deshalb eine vorausschauende Planung.
Montag Ergotherapie.
Mittwoch Logopädie.
Donnerstag Reittherapie.
Freitag Physiotherapie.
Welche Termine übernimmt Mama?
Welche Papa?
Bei welchem Termin kann das Au-pair begleiten?
Und wann ist es sinnvoller, dass das Au-pair währenddessen für die Geschwister da ist?
So wird das Au-pair nicht einfach überall dort eingesetzt, wo gerade etwas anfällt.
Es bekommt eine klare Rolle und weiß vorher, was in dieser Woche von ihm erwartet wird.
Ein Au-pair kann Therapie nicht ersetzen – aber den Alltag rundherum leichter machen
Das ist eigentlich der entscheidende Punkt.
Eine Familie nimmt kein Au-pair auf, damit es die Ergotherapie, Physiotherapie oder Logopädie des Kindes übernimmt.
Dafür gibt es Fachkräfte.
Aber rund um diese Therapien findet unglaublich viel Familienalltag statt.
Fahrten.
Wartezeiten.
Geschwisterbetreuung.
Organisation.
Übungen, die spielerisch in den Alltag integriert werden können.
Und genau hier kann ein Au-pair eine enorme Unterstützung sein.
Es kann begleiten.
Zuschauen.
Verstehen lernen.
Anregungen im Spiel aufgreifen.
Geschwister betreuen.
Oder Wege übernehmen.
Gerade für eine Familie mit einem Kind mit Behinderung bedeutet Unterstützung nämlich nicht immer, eine Aufgabe vollständig abzugeben.
Manchmal bedeutet sie einfach:
Es ist noch jemand da. Und deshalb müssen Mama und Papa nicht mehr bei jedem einzelnen Termin gleichzeitig an fünf andere Dinge denken.

Melanie Matl
Gründerin
Selbst Mutter eines Kindes mit Behinderung.


