Au-pair Eingewöhnung: Was kann ich nach 1, 4, 8 und 12 Wochen erwarten?

In der ersten Woche geht es ums Ankommen und Beobachten, danach ums Mitmachen, um erste selbstständige Routinen und schließlich um gefestigten Alltag. Nach etwa zwölf Wochen wird aus Einarbeitung Routine.
„Unser Au-pair ist jetzt seit einer Woche da – aber wir können uns überhaupt nicht vorstellen, die Kinder schon mit ihm alleine zu lassen.“
„Es weiß noch nicht, wie es mit unseren Kindern spielen soll.“
„Wir müssen ständig erklären, was es machen soll.“
„Vielleicht passt es einfach nicht zu uns. Können wir das Au-pair wieder wechseln?“
Solche Gedanken können gerade in den ersten Wochen entstehen.
Doch bevor eine Gastfamilie nach wenigen Tagen an ihrem Matching zweifelt, möchten wir einen ganz wichtigen Gedanken mitgeben:
Ein Au-pair muss in Ihrer Familie nicht funktionieren. Es muss Ihre Familie erst kennenlernen.
Und das dauert.
Nach einer Woche kann ein Au-pair Ihren Familienalltag noch nicht kennen
Stellen Sie sich vor, Sie ziehen in ein fremdes Land.
Sie wohnen plötzlich bei Menschen, die Sie vorher nur aus Videocalls kennen. Sie sprechen eine Sprache, die Sie noch lernen. Das Essen ist anders. Die Umgebung ist fremd. Sie kennen weder Busverbindungen noch Supermarkt, Kindergarten oder Schule.
Und gleichzeitig sollen Sie zwei Kinder betreuen, deren Persönlichkeiten, Bedürfnisse, Routinen und Grenzen Sie gerade erst kennenlernen.
Nach sieben Tagen.
Würden Sie sich das selbst zutrauen?
Genau deshalb sollten Gastfamilien ihre Erwartungen in den ersten Wochen bewusst realistisch halten.
Ein Au-pair ist keine fertig ausgebildete Erzieherin
Ein Au-pair ist ein junger Mensch, der für einen kulturellen Austausch nach Deutschland kommt und eine Familie bei der Kinderbetreuung und im Alltag unterstützt.
Es ist keine fertig ausgebildete Erzieherin, Kinderpflegerin oder Nanny, die nach mehrjähriger Berufsausbildung ihren ersten Arbeitstag beginnt.
Natürlich bringen Au-pairs Erfahrungen mit Kindern mit. Viele haben Praktika absolviert, Geschwister betreut, in Kindergärten mitgeholfen oder Erfahrungen mit Kindern mit Behinderung gesammelt.
Aber sie kennen Ihre Kinder noch nicht.
Und das ist ein entscheidender Unterschied.
„Aber sie kann noch nicht einmal richtig mit meinen Kindern spielen“
Auch Spielen ist nicht in jeder Familie gleich.
Vielleicht braucht Ihr Kind sehr viel Anleitung.
Vielleicht liebt es Rollenspiele. Vielleicht baut es stundenlang Lego. Vielleicht verliert es schnell das Interesse und benötigt ständig neue Impulse.
Vielleicht hat Ihr Kind eine Behinderung und kommuniziert über einen Talker, Gebärden oder auf eine ganz individuelle Art.
Woher soll Ihr Au-pair nach einer Woche wissen, wie Sie mit Ihrem Kind spielen und was bei Ihrem Kind funktioniert?
Zeigen Sie es.
Setzen Sie sich auf den Boden.
Spielen Sie mit Ihrem Kind und lassen Sie das Au-pair zunächst zuschauen.
Am nächsten Tag spielt es mit.
Danach übernimmt es einen Teil.
Und irgendwann stehen Sie auf und gehen aus dem Raum.
Vormachen. Gemeinsam machen. Begleiten. Verantwortung übertragen.
So entsteht Einarbeitung.
Nach einer Woche: Ankommen und beobachten
In der ersten Woche mit dem Au-pair sollte das Ankommen im Vordergrund stehen.
Das Au-pair lernt die Familie kennen.
Wo befinden sich die Sachen der Kinder? Wie läuft der Morgen ab? Was essen die Kinder? Wann schlafen sie? Wie kommunizieren sie? Welche Regeln gelten? Wie funktioniert der Schulweg?
Gerade bei einem Kind mit Behinderung kommen möglicherweise noch individuelle Routinen und Kommunikationsformen hinzu.
In dieser Phase darf ein Au-pair viel beobachten und mitlaufen.
Es muss noch nicht beweisen, dass es den Familienalltag allein bewältigen kann.
Nach zwei bis vier Wochen: aktiv mitmachen
Jetzt kennt das Au-pair erste Abläufe.
Aus Zuschauen wird zunehmend Mitmachen.
Es bereitet vielleicht morgens selbstständig die Brotdosen vor. Es hilft beim Anziehen. Es spielt gemeinsam mit einem Elternteil und den Kindern. Es begleitet den Weg zum Kindergarten zunächst gemeinsam und übernimmt ihn später allein.
Einzelne Aufgaben können jetzt immer klarer übertragen werden.
Zum Beispiel:
„Ab morgen bist du morgens für die Brotdosen verantwortlich.“
Oder:
„Du holst ab dieser Woche dienstags und donnerstags Emma vom Kindergarten ab.“
Das Au-pair braucht jetzt vor allem klare Aufgaben und die Sicherheit, diese auch selbstständig übernehmen zu dürfen.
Nach vier bis sechs Wochen: erste echte Selbstständigkeit
Nach ungefähr einem Monat sollte das Au-pair viele grundlegende Abläufe kennen.
Jetzt können Eltern langsam beobachten:
Kann es vereinbarte Aufgaben selbstständig erledigen?
Denkt es zunehmend an wiederkehrende Dinge?
Kennt es die wichtigsten Routinen?
Wird die Kommunikation mit den Kindern sicherer?
Entsteht langsam eine eigene Beziehung?
Dabei muss noch längst nicht alles perfekt funktionieren.
Auch nach sechs Wochen darf ein Au-pair Fragen stellen, Dinge vergessen oder in neuen Situationen unsicher sein.
Entscheidend ist jetzt weniger Perfektion als Entwicklung.
Nach sechs bis acht Wochen: Verantwortung weiter ausbauen
Mit zunehmender Sicherheit können weitere Aufgaben hinzukommen.
Das Au-pair gestaltet beispielsweise einen Nachmittag selbstständiger, geht mit den Kindern auf den Spielplatz, begleitet ein Kind zum Verein oder übernimmt bekannte Bring- und Abholwege.
Auch die Kinder haben das Au-pair inzwischen deutlich besser kennengelernt.
Es entstehen eigene Spiele, Rituale und Beziehungen.
Eltern sollten jetzt auch bewusst Raum geben.
Denn wer nach acht Wochen weiterhin bei jeder Kleinigkeit danebensteht, jede Entscheidung korrigiert und sofort übernimmt, verhindert möglicherweise genau die Selbstständigkeit, die er sich eigentlich wünscht.
Einarbeitung bedeutet irgendwann auch loslassen.
Nach acht bis zwölf Wochen: Aus Einarbeitung wird Routine
Nach zwei bis drei Monaten sollte sich zunehmend ein normaler Familienalltag entwickeln.
Das Au-pair kennt seine regelmäßigen Aufgaben.
Es weiß, wann die Kinder abgeholt werden müssen, kennt ihre Vorlieben und Routinen und kann viele vereinbarte Betreuungssituationen selbstständig gestalten.
Die Familie muss nicht mehr jeden einzelnen Schritt erklären.
Auch längere bekannte Betreuungssituationen können – abhängig vom Alter und individuellen Bedarf der Kinder – zunehmend selbstständig funktionieren.
Jetzt sollte aus dem Gefühl
„Wir haben einen fremden Menschen im Haus“
langsam das Gefühl werden:
„Unser Au-pair gehört zu unserem Alltag.“
Gerade bei einem Kind mit Behinderung kann Vertrauen länger brauchen
Bei Familien mit einem Kind mit Behinderung oder besonderem Unterstützungsbedarf ist Geduld besonders wichtig.
Vielleicht muss das Au-pair erst lernen, die Kommunikation des Kindes zu verstehen.
Vielleicht gibt es bestimmte Verhaltensweisen, Routinen oder Situationen, die es mehrfach gemeinsam mit den Eltern erleben muss.
Und vielleicht müssen auch die Eltern selbst erst das Vertrauen entwickeln, ihr Kind mit einem neuen Menschen allein zu lassen.
Das ist vollkommen nachvollziehbar.
Hier geht es schließlich nicht darum, möglichst schnell einen Haken hinter die Einarbeitung zu setzen.
Es geht um Ihre Kinder.
Drei Monate Eingewöhnung klingen lang – sind aber nur ein Viertel des Au-pair-Jahres
Zwölf Wochen können sich zunächst nach einer langen Einarbeitungszeit anhören.
Doch ein Au-pair-Jahr dauert zwölf Monate.
Wenn die ersten Wochen dafür genutzt werden, eine gute Grundlage zu schaffen, bleiben anschließend viele Monate, in denen die Familie von genau dieser Investition profitieren kann.
Wer dagegen nach sieben Tagen erwartet, dass ein Au-pair bereits vollkommen selbstständig funktioniert, produziert schnell Frustration auf beiden Seiten.
Nicht fragen: „Warum kann sie das noch nicht?“
Versuchen Sie gerade am Anfang eine andere Frage:
„Was muss ich meinem Au-pair noch zeigen, damit es das lernen kann?“
Kann es nicht mit den Kindern spielen?
Spielen Sie gemeinsam.
Kennt es die Morgenroutine nicht?
Machen Sie sie gemeinsam.
Ist es beim Abholen unsicher?
Gehen Sie den Weg gemeinsam.
Weiß es nicht, wie es in einer bestimmten Situation mit Ihrem Kind reagieren soll?
Zeigen Sie es.
Und danach geben Sie ihm die Gelegenheit, es selbst auszuprobieren.
Wann sollte man tatsächlich genauer hinschauen?
Geduld bedeutet natürlich nicht, dass jede Schwierigkeit drei Monate lang ignoriert werden muss.
Wenn vereinbarte Regeln bewusst nicht eingehalten werden, das Au-pair keinerlei Interesse an den Kindern zeigt, Sicherheitsregeln missachtet oder wiederholtes Feedback überhaupt nicht annimmt, sollte eine Gastfamilie frühzeitig das Gespräch suchen.
Der entscheidende Unterschied ist:
Kann etwas noch nicht – oder will jemand etwas nicht?
Fehlende Routine, Unsicherheit und langsame Selbstständigkeit in den ersten Wochen sind etwas vollkommen anderes als dauerhaft fehlende Bereitschaft, zu lernen und Verantwortung zu übernehmen.
Was kann ich wann von meinem Au-pair erwarten?
Als grobe Orientierung kann man sich merken:
- Woche 1: ankommen, beobachten, kennenlernen und mitlaufen.
- Woche 2–4: aktiv mitmachen, einzelne Aufgaben übernehmen und Abläufe wiederholen.
- Woche 4–6: erste Routinen selbstständig übernehmen und Sicherheit gewinnen.
- Woche 6–8: Verantwortung ausbauen und eigene Beziehungen zu den Kindern entwickeln.
- Woche 8–12: zunehmend selbstständiger Familienalltag und gefestigte Routinen.
Natürlich entwickelt sich nicht jedes Au-pair exakt nach diesem Zeitplan.
Das eine ist nach drei Wochen unglaublich selbstständig. Ein anderes braucht bei bestimmten Aufgaben länger.
Der Zeitplan ist keine Prüfung.
Er soll vor allem zeigen: Nach sieben Tagen stehen Sie noch ganz am Anfang.
Geben Sie Ihrem Au-pair die Chance, Ihr Au-pair zu werden
Nach einer Woche wissen Sie möglicherweise noch gar nicht, wie gut Ihr Au-pair in drei Monaten mit Ihren Kindern umgehen wird.
Denn der Mensch, der irgendwann selbstverständlich die Kinder abholt, ihre Lieblingsspiele kennt, morgens die Brotdosen vorbereitet und einen ganzen Nachmittag mit ihnen gestaltet, entsteht nicht am Anreisetag.
Er wächst in diese Rolle hinein.
Mit Ihrer Anleitung.
Mit Wiederholungen.
Mit Vertrauen.
Und mit der Möglichkeit, Fehler zu machen und daraus zu lernen.
Deshalb sollten die Erwartungen in den ersten Wochen nicht lauten:
„Zeig uns, was du schon alles kannst.“
Sondern:
„Wir zeigen dir, wie unsere Familie funktioniert – und dann geben wir dir Schritt für Schritt die Möglichkeit, deinen eigenen Platz darin zu finden.“

Melanie Matl
Gründerin
Selbst Mutter eines Kindes mit Behinderung.


